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Dömitz Tausend Patienten plötzlich ohne Arzt

Von Katharina Hennes | 01.12.2017, 05:00 Uhr

Dömitzer verunsichert nach überraschendem Verschwinden ihres Hausarztes. Ausgelastete Kollegen müssen Situation auffangen

Wo ist Doktor Wittine? Diese Frage stellen sich in Dömitz inzwischen nicht nur die Patienten, die in der Elbstraße vor verschlossener Tür stehen. Die Praxis des Allgemeinmediziners ist seit Tagen nicht erreichbar. Auf dem Anrufbeantworter des Arztes heißt es wörtlich: „Es ist vorübergehend wegen Krankheit geschlossen. Ende der Ansage.“ Vorübergehend? Daran zweifeln in Dömitz immer mehr. Denn laut Informationen von Bürgermeister Helmut Bode soll es bereits Kündigungen gegeben haben. Er vermutet den Arzt in London. Dort hatte Albert Wittine praktiziert, bevor er 2009 nach Dömitz wechselte.

 

Bode rechnet nicht mit einer Rückkehr. Deshalb will er schnell „alle Hebel in Bewegung setzen, damit wieder ein Arzt nach Dömitz kommt“. Dr. Albert Wittine habe an die 1000 Patienten behandelt. Viele von ihnen stehen nun ratlos am Tresen der Praxis von Dr. Barbara Bätje, der nun einzigen praktizierenden Hausärztin in Dömitz. „Erst haben wir sie weggeschickt. Wir haben ja keine Kapazitäten mehr“, erzählt die Ärztin. Da wusste sie aber auch noch nicht offiziell von dem überraschenden Verschwinden ihres Kollegen. Nach Absprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung steht nun fest: Dr. Bätje wird alle Patienten aus dem Stadtgebiet vorübergehend behandeln. Wittines Patienten aus den Außenbereichen sollen in Arztpraxen in Eldena und Lübtheen Hilfe finden. „Wir lassen keinen im Regen stehen“, verspricht die Ärztin. „Alle hier tun ihr Möglichstes, die Situation in den Griff zu bekommen.“ Jeder Patient, der ein Rezept benötigt, bekomme es auch, versichert Dr. Bätje. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) habe sie momentan von der so genannten Plausibilitätsprüfung ausgenommen. Damit sei sie auch befreit von eventuellen Honorarrückzahlungen, die die KV einfordern kann, wenn Ärzte in der ihnen zur Verfügung stehen Arbeitszeit unangemessen viele Patienten behandeln.

Für Barbara Bätje tritt jetzt ein, was sie schon lange befürchtet. „Es finden sich einfach keine Ärzte, die aufs Land wollen“, sagt sie. Seit Jahren sucht sie vergeblich nach einem Kollegen, der bei ihr mit einsteigt und die Praxis vielleicht auch später übernehmen kann. Aber auf ihre Suchanzeigen im Internet im Portal der Kassenärztlichen Vereinigung und bei der Landarztbörse habe sich bis heute kein einziger Interessent gemeldet. „Wir arbeiten im Moment über unsere Kräfte“, sagt sie. „Und ich mag mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ich in den nächsten Jahren in Rente gehe.“

Bürgermeister Helmut Bode, auch er war Patient bei Dr. Wittine, weiß, wie sehr die Umgebungsärzte ausgelastet seien. „Unsere Region ist unterversorgt“, sagt er. „Auch die beiden Ärzte in Neu Kaliß nehmen schon jetzt als Hausärzte keine Patienten mehr an.“

In seiner Not hatte sich Bode an die CDU-Landtagsabgeordnete Maika Friemann-Jennert gewandt, die das Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung suchte. „Dort hat man mir versichert, Sorge dafür zu tragen, dass in Dömitz etwas passieren wird“, so Friemann-Jennert gestern am Telefon. SVZ-Anfragen von Mittwoch an die Kassenärztliche Vereinigung MV blieben auch gestern unbeantwortet.

Die Nachricht vom plötzlichen Verschwinden des Arztes hatte sich am Montag wie ein Lauffeuer in Dömitz verbreitet. „Die Menschen, vor allem ältere, sind beunruhigt“, sagt Sigrid Westendorf, die sich in der Leitung der örtlichen Volkssolidarität engagiert. „Senioren, die nun zu einem Arzt außerhalb fahren müssten, haben ein Problem, weil sie nicht mobil sind.“

Ironie des Schicksals: Als Dr. Wittine 2009 die Praxis von Dr. Schumann übernahm, hätte sie auch zur anderen Dömitzer Ärztin wechseln können. „Aber ich bin geblieben, weil ich dachte, dass der neue Arzt ja auch Patienten braucht“, erzählt Sigrid Westendorf. Die 91-Jährige hofft, dass wieder ein Arzt nach Dömitz kommt und sieht da auch die Politik in der Pflicht. „Die Regierung muss sich mehr dafür einsetzen, dass junge Ärzte aufs Land gehen.“

Auch die Außenstelle in Tewswoos, wo Dr. Wittine viermal wöchentlich halbtags praktizierte, bleibt geschlossen. „Wir sind ratlos und enttäuscht“, sagt Heiko Bäuch aus Vielank. Er hatte am Montag auf der Arbeit durch Kollegen vom Verschwinden des Arztes erfahren. „Warum so plötzlich?“ fragt Bäuch. „Warum hat man uns Patienten das nicht rechtzeitig angekündigt?“ Offen bleibt auch die Frage, wie die Patienten an ihre Unterlagen gelangen. „Wir kommen an die Akten zurzeit nicht ran“, sagt Dr. Barbara Bätje. Sie rät Patienten, ihre Fachärzte zu konsultieren und sich die Befunde aushändigen zu lassen.

Wo nun ist Doktor Wittine? Und warum hat er die Patienten nicht informiert? Seine Angestellten möchten sich dazu nicht äußern. Auch SVZ-Anfragen an den Arzt persönlich blieben unbeantwortet.