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Eine Stadt als Labyrinth Ludwigsluster Chaostage

Von Benjamin Piel | 18.09.2011, 07:34 Uhr

Eigentlich soll er an diesem Sonnabend bloß die Zufahrt zur Ludwigsluster Brücke versperren. Stattdessen ist er ein menschlicher Wegweiser für Verwirrte, Verirrte und Verlorene.

Uwe Dechow ist die letzte Hoffnung der Verirrten. Eigentlich soll er an diesem Sonnabend bloß die Zufahrt zur Ludwigsluster Brücke versperren. Soll aufpassen, dass niemand eine Abkürzung nimmt. Stattdessen ist er ein menschlicher Wegweiser für Verwirrte, Verirrte und Verlorene.

Sachgasse, Straßensperrung, Durchfahrt verboten - Schlagwörter wie diese treiben Autofahrer in Ludwigslust derzeit mitunter in den Wahnsinn. Vor allem die, die nicht aus der Region kommen. Sie kommen aus Hamburg, Heidelberg, Villingen-Schwenningen, Stuttgart, Berlin. Manche wollen in die Stadt hinein - und können nicht. Andere wollen hinaus - und wissen nicht wie. Eine Umgehungsstraße hat Ludwigslust nicht. Das führt zum Verkehrschaos. SVZ hat Uwe Dechow 15 Minuten lang durchs Chaos begleitet:

11.26 Uhr: Harald Frenzel wohnt in Ludwigslust, kennt die Stadt wie seine Westentasche. Nach Hause findet er trotzdem nicht mehr. Die kurze Fahrt in die Suhlandstraße gleicht heute einer Weltreise. "Ich fass’ es nicht", sagt er und schüttelt den Kopf. Er steht mit seinem Auto vor der Brücke über die Eisenbahnschienen und ist schwer verwirrt. Hinter ihm im Auto quäken die Kinder. "Das kann doch alles nicht wahr sein", presst ihr Vater durch die Zähne. Auch das Navi weiß keinen Rat mehr. Anders als Uwe Dechow. Der Mann mit orangefarbener Warnjacke und dunkler Sonnenbrille weißt den Weg. "Über Warlow und Kummer müssen Sie fahren", sagt Dechow. Frenzel nickt und fährt los. In ein paar Minuten werden er und seine Familie zu Hause sein.

11.29 Uhr: Die alte Dame im VW Golf ist den Tränen nah. "Ich finde einfach nicht zur Autobahn", sagt sie mit badischem Dialekt. Sie kommt aus Heidelberg. Schon mehrere Runden hat sie durch Ludwigslust gedreht. Erfolglos. Jetzt kann sie nicht mehr. Uwe Dechow ist ihre letzte Rettung. Mit Engelsgeduld erklärt er der Frau den Weg zur Autobahn. Sie fährt los, kann wieder lächeln.

11.32 Uhr: Wieder ein Kennzeichen aus Baden-Württemberg. Ein Handelsvertreter aus Stuttgart will nach Malliß, findet aber den Weg nicht. Seine Karte ist zu undeutlich, sein Navigationssystem hat ihn schon lange im Stich gelassen. Der Mann von der Ludwigsluster Straßenmeisterei erklärt mit ruhiger Stimme den Weg. Dann fährt der Schwabe die Umleitung entlang. Auch hier staut sich der Verkehr. So viel wie an diesem Wochenende war in Kummer und Warlow schon lange nicht mehr los. Wenn auch der Anlass nicht unbedingt der schönste ist.

11.34 Uhr: Ein Auto mit französischem Kennzeichen rollt auf Dechow zu. "Französisch kann ich nicht", sagt er. Doch er hat Glück. "Wie kommen wir zum Schloss?", fragt der Fahrer in lupenreinem Deutsch. Dechow atmet auf. "Einem Mann musste ich heute schon auf Englisch den Weg weisen", sagt er, "das ging noch so gerade." Warlow und Kummer - keine leichten Namen für Fremdsprachler.

11.35 Uhr: Wieder ein Schwabe. Auch er findet nicht nach Ludwigslust hinein. Schaut hilfesuchend zu Dechow hinüber. "Fahren Sie hinter dem her", sagt Dechow und zeigt auf das Auto aus Frankreich, das gerade davonfährt. "Keine Angst, der fährt nicht nach Frankreich", fügt er noch an und lacht.

11.39 Uhr: Dechows Ablösung rückt an. Ein jüngerer Kollege. Noch weiß der Mann nicht, dass es auch für ihn keine ruhige Schicht werden wird. Auch er wird Menschen den Weg weisen. Auch er wird hin und wieder die Wut der Menschen abbekommen. Obwohl er für die Baustelle am Allerwenigsten kann und einfach nur helfen will.

11.42: Jetzt erklärt Uwe Dechow auch noch dem SVZ-Mann den Weg in Richtung Lokalredaktion in der Ludwigsluster Seminarstraße. Einen Teil zur Zeitung von Montag hat er also auch beigesteuert. Danke.