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Parchim Einen Schlussstrich darf es nicht geben

Von Christiane Großmann | 01.12.2010, 01:57 Uhr

Sie waren dem Intensiv-Mobbing der DDR-Geheimpolizei ausgeliefert.

Auf perfide Art und Weise wurden sie diskreditiert, ihr Ansehen wurde in der Familie und der Öffentlichkeit beschmutzt, um sie beruflich kaputt zu machen und damit seelisch zu zerstören. Zahlreiche Betroffene haben das Unrecht und die damit verbundenen traumatisierenden Folgen bis heute nicht verwunden. Die Rede ist von jenen politisch Verfolgten, die bis 1989 Opfer so genannter "Zersetzungsmaßnahmen" der Staatssicherheit (Stasi) wurden, einer Bestrafung ohne Urteil. Der organisierte, mit extremer krimineller Energie von der Geheimpolizei oftmals jahrelang ausgeübte Psychoterror gegen Andersdenkende erreichte dabei Ausmaße, für die die menschliche Vorstellungskraft kaum ausreicht.

20 dieser Opfer aus Mecklenburg-Vorpommern hat Dr. Sandra Pingel-Schliemann eine Stimme gegeben - in ihrer vor zwei Jahren erschienenen Dokumentation "Lebenswege … im Schatten des Staatssicherheitsdienstes". Mit diesem Buch möchte die Autorin energisch der weit verbreiteten Auffassung "Wer nicht in Haft war, dem ist auch nichts passiert" widersprechen. Und vor allem wissenschaftliche sowie politische Akteure dafür sensibilisieren, dass Opfer von Zersetzungsmaßnahmen 20 Jahre nach der Wende in den drei SED-Unrechtsbereinigungsgesetzen immer noch nicht berücksichtigt wurden, ihnen damit eine öffentliche Rehabilitierung bislang verwehrt blieb.

"Man geht nicht mit Bereitschaft in die Zukunft, wenn ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen wird. Wiederholt gab es in den letzten Jahren Stimmen, dass etwa die Stasi-Akten verbrannt werden sollten, um endlich Ruhe zu schaffen. Warum aber soll man den Opfern das Wissen, das die Täter besitzen, vorenthalten? Das Verschweigen und Nichtbeachten von Schuld hat in der gleichberechtigten demokratischen Auseinandersetzung etwas Störendes aber auch Zerstörendes", mahnte Dr. Sandra Pingel-Schliemann dieser Tage in Parchim.

Die promovierte Politik- und Kunstwissenschaftlerin, deren Lebenswurzeln lange in Lübz lagen und die sich seit ihrem Studium der Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Hamburg intensiv mit der Aufarbeitung der DDR-Diktatur beschäftigt, folgte einer Einladung des Baufördervereins von St. Marien zu einer Lesung in der Kirche, die vor 21 Jahren zum Ausgangspunkt der friedlichen Wende in der Eldestadt wurde. In einem geschliffenen Vortrag, in dem jeder Satz saß wie ein Nadelstich und demzufolge viele Zuhörer aufwühlte, beschrieb sie spezifische, bis ins letzte Detail kalkulierte psychologische Repressionsmethoden der Stasi an konkreten Beispielen.

Zwei Biografien sind auch mit Parchim verknüpft, wie die des Landesjugendpastors Johannes L., 1945 als Sohn eines Pastors hier geboren. Er stand bereits als Schüler im Visier der Stasi, musste als 17-Jähriger zwei Monate Verhöre mit Schlägen und psychischen Quälereien im Stasi-Untersuchungsgefängnis am Demmlerplatz in Schwerin erleiden und wurde zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Sein "Vergehen": Johannes L. hatte zusammen mit Freunden Flugblätter verteilt, um gegen die einengenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen zu protestieren. Nach der Verurteilung wurde ihm der Schulbesuch verweigert, an eine Lehrstelle im staatlichen Bereich war nicht zu denken. Johannes L. wurde Pastor. Auf die Spitze trieb die Stasi ihre hinterrücks eingefädelten Zersetzungsmaßnahmen gegen Johannes L., um ihn in der Landeskirche in Verruf zu bringen und ihn persönlich sowie beruflich auszubooten, seit 1984. Im Januar 1987 geht diese Strategie auf: Johannes L. wurde als Landesjugendpastor beurlaubt. Er verließ das Land. Doch die eiskalt inszenierten Rufmordkampagnen zeigten ihre weitreichenden Folgen sogar im Westen: Johannes L. brauchte Jahre, um Fuß zu fassen. "Eine neue Karriere innerhalb der evangelischen Kirche blieb ihm allerdings dauerhaft verwehrt", dokumentiert Dr. Sandra Pingel-Schliemann.

Auch das in jüngerer Vergangenheit mehrfach in unserer Zeitung erwähnte Schicksal des früheren Investbauleiters Helmuth Schmidt hat die Autorin in ihrem Buch beleuchtet. Schmidt bezahlte seinen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 mit dem Stasiknast. Diese Zeit der menschenunwürdigen Behandlung schrieb er sich in seinem Buch "Zorn und Trauer" von der Seele. Im vergangenen Jahr las er in St. Marien aus diesen erschütternden Aufzeichnungen. Der Bauförderverein von St. Marien, der Helmuth Schmidt inzwischen die Ehrenmitgliedschaft antrug, durfte ihn in diesem Jahr als Gast zu der Lesung begrüßen, die von Wolfgang v. Rechenberg einfühlsam moderiert wurde. Rechenberg gehörte im Wendeherbst zu jenen mutigen Parchimern, die die Stasizentrale in der Brunnenstraße besetzten und dafür sorgten, dass 32 laufende Meter Stasiakten im letzten Moment vor der Vernichtung gerettet werden konnten. Dieser Tag jährt sich am 4. Dezember zum 21. Mal.