Letzten Willen eindeutig formulieren

<strong>Prof. Dr. Erich Donauer</strong> auf der Intensivstation: Moderne Medizin macht heute sehr viel möglich - wenn es der Patient auch will und nicht anders verfügt hat. <foto>Ilja Baatz</foto>
Prof. Dr. Erich Donauer auf der Intensivstation: Moderne Medizin macht heute sehr viel möglich - wenn es der Patient auch will und nicht anders verfügt hat. Ilja Baatz

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29. Juli 2010, 06:19 Uhr

plau am see | In drei Jahrzehnten Berufspraxis hat Prof. Dr. Erich Donauer, Ärztlicher Direktor des Plauer Klinikums, viele Menschen sterben sehen - friedlich oder unruhig, unter keinen oder enormen, quälenden Schmerzen, jung oder alt. "Das Glück der Geburt beinhaltet zwangsläufig auch das Sterben, das - von der Trauer der Nachbleibenden über den Verlust abgesehen - vom Vorgang her an sich in der Regel nicht so schlimm ist, wie oft dargestellt. Wie auch anderes eine geregelte, nicht bedrohliche Sache, vielfach ein Einschlafen", sagt der 56-Jährige. "Der Mensch besteht aus einer Kombination von drei Millionen Basen. Stimmt nur eine nicht, ist er nicht lebensfähig. Letztlich regelt die Natur alles. Niemand wird zum Beispiel 150 Jahre alt. Auch dann nicht, wenn 20 Ärzte um ihn herum alles geben."

Künstliche Beatmung oder nicht: Zu Lebzeiten selbst festlegen

Dass das Leben begrenzt sei, machten sich viele allerdings nicht rechtzeitig bewusst. Dabei helfe eine im Vollbesitz aller geistigen Kräfte verfasste "Patientenverfügung", sich und anderen Klarheit darüber zu verschaffen, etwa wegen einer schweren Krankheit zum Beispiel länger beatmet und/oder künstlich ernährt zu werden oder nicht - für eine Situation, in der man seinen Willen nicht mehr kund tun kann. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes zum Thema Sterbehilfe stehe der Wille eines Kranken bezüglich lebensverlängernder Maßnahmen zwar über allem, allerdings müsse die "Patientenverfügung" so formuliert sein, dass Ärzte sie zweifelsfrei umsetzen können. Auch Medizinern des Plauer Klinikums sei dies nicht immer möglich. "Es ist wichtig, bei der Ausarbeitung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen", sagt Prof. Donauer. "Wenn jemand zum Beispiel sagt, dass er keine Pflege will, wird dies nicht möglich sein." Unabhängig von dem neuen Urteil seien "aktive Maßnahmen, die das Leben verkürzen", in Deutschland weiterhin verboten.

Auch für Prof. Donauer gebe es mittlerweile einige "übertriebene Maßnahmen", die dem Fortschritt geschuldet seien, wenngleich das weitaus meiste dem Menschen diene. "Ärzte erleben neue Situationen, die man noch vor 20 oder 25 Jahren nicht erahnt hat", sagt der Mediziner, der zu Beginn seiner Laufbahn eine der ersten Intensivstationen Deutschlands geleitet hat. "Für Menschen, die zum Beispiel täglich ums Essen kämpfen müssen - was es nach wie vor gibt - ist eine wie hier geführte Diskussion nicht realistisch. Dort regelt die Natur mehr."

Auch die Plauer Klinik registriere, dass das Durchschnittsalter der Operierten stetig steigt, was nicht nur an der allgemein vom Alter her wachsenden Lebenserwartung, sondern auch an der demografischen Entwicklung liege. Wegen der Abwanderung bei gleichzeitig wenig Geburten gehöre Mecklenburg-Vorpommern heute noch im Gegensatz zu 1990 zu den Bundesländern mit dem höchsten Durchschnittsalter. "Ein höheres Alter stellt auch höhere Anforderungen an den Menschen und erfordert eine andere Versorgung", so der Ärztliche Direktor.

Seit 1995 ist Professor Donauer in Plau am See und hat die dortige Intensivstation mit jetzt 16 Beatmungs- und 30 mit Monitor ausgestattete Frühreha-Betten aufgebaut. Dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes steht er positiv gegenüber.

Regelungen verbindlicher: Auch für den Arzt mehr Sicherheit

Es helfe dabei, Unsicherheiten auf beiden Seiten, wie sie in der Vergangenheit öfter vorkamen, zu beseitigen. Bei rechtzeitig klar geäußertem Willen des Patienten wisse der Arzt, wie er handeln muss - ohne Angst, eventuell straf- oder zivilrechtlich belangt zu werden, was schon vorgekommen ist. Auch in früheren Jahren habe es Regelungen gegeben, die jedoch nicht so verbindlich waren.

Beim Thema Sterbehilfe seien verallgemeinernde Äußerungen allerdings überaus schwierig, im Grunde gar nicht zulässig. In jedem Fall gehe es um das Leben eines Menschen, was höchste Sorgfalt verlange. Der Professor: "Ich darf zum Beispiel das Wachstum eines Tumors nicht behindern oder das Herz nicht stützen, so eine entsprechende Verfügung vorliegt. Wenn deshalb aber Schmerzen kommen und ich merke, dass es zu Ende geht, wird der Betreffende trotzdem Schmerzmittel bekommen. Einem Menschen Qualen zu ersparen, gehört zur Basispflege dazu und entspricht der ohne Einschänkungen zu akzeptierenden Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, derzufolge niemand unnötige Schmerzen, Durst und Hunger erleiden darf. Basispflege nicht zu gewähren, wäre unmenschlich und ethisch nicht zu akzeptieren."

Wer elementare Grundsätze des Miteinanders in dieser Gesellschaft achte, missachte den Patientenwillen nicht. Wichtig sei trotz allem, sich bei seiner Formulierung schon aus Selbstschutz professionell beraten zu lassen. "Jeder muss sich klar darüber sein, dass es dabei um das Wertvollste geht, was er besitzt", so der Chefarzt.

Zu verlangen, dass zum Beispiel ein zu einem Unfallort gerufener Notarzt vor jeglichem Eingriff klären solle, ob eine Patientenverfügung vorliegt oder nicht, sei allerdings utopisch: "Bis dahin dürfte in den meisten Fällen alles zu spät sein, so dass grundsätzlich erst einmal im Sinne des Menschen gehandelt wird. Bei dem jetzt diskutierten Thema geht es um langfristige Maßnahmen und nicht um die Situation, in der schnelle Hilfe Leben rettet." Grenzwertig sei allerdings auch bei wahrscheinlicher Heilung die Frage, wie der Begriff "langfristig" zu bewerten ist. Und selbst dann, wenn ein Patient nicht längere Zeit künstlich beatmet werden möchte, sei die Natur oft von sich aus stark genug, dass er trotz sehr schwerer Schädigung auch ohne Intensivmedizin überlebt.

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