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Lokales

21. November 2017 | 07:23 Uhr

Landnahme der Großinvestoren

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erstellt am 07.Jan.2011 | 07:25 Uhr

Neubrandenburg | Die Angebote lassen Kapitalanleger aufhorchen: Im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns steht ein Milchviehbetrieb mit 350 ha Pachtfläche zum Verkauf - für 1,2 Millionen Euro. 300 Hektar mit einem hohem Ackerlandanteil sind in einem anderen Landesteil zu haben. An der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein wird für einen Agrarhof mit 63 ha ein neuer Eigentümer gesucht - Preis: 1 Million Euro. Zu haben ist auch ein Gutsbetrieb mit Eigenjagd und 200 ha im Landkreis Demmin: Die Angebotsliste des münsterländischen Bodenhändlers Westhoff ist lang. Seine Agrarboden GmbH bietet im Internet finanzkräftigen Investoren land- und forstwirtschaftliche Flächen und Betriebe an - derzeit vornehmlich in den neuen Ländern. An Kunden mangelt es nicht - Ausverkauf auf ostdeutschem Acker.

Bauern stecken 1,6 Milliarden in Boden

Industrielle, millionenschwere Fondsgesellschaften, börsennotierte Agrarkonzerne, finanzkräftige Privatleute: Kapitalgeber entdecken die mecklenburg-vorpommersche Weite und machen heimischen Bauern den Acker streitig. Seit die bundeseigenen Privatisierer der Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft (BVVG) den Schlussspurt beim Verkauf der ehemals volkseigenen Agrarflächen eingelegt haben, kennt das Geschäft kaum Grenzen: Derzeit würden immer öfter ganze Betriebe verkauft, beobachtet Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). "Nichts Ungewöhnliches", meint Bauernpräsident Rainer Tietböhl. Jährlich würden sich schätzungsweise bei fünf bis acht Prozent der Betriebe im Land die Eigentumsverhältnisse ändern. Nur: Spätestens seit krisengebeutelte Anleger sichere Investments suchen treiben externe Kapitalgeber die Preise hoch - auf bisher unbekannte Höhen. Im Durchschnitt kostet ein Hektar bei der BVVG bereits mehr als 8200 Euro, doppelt so viel wie 2004. Für ehemals volkseigene Flächen würden sogar Spitzenpreise von 22 500 Euro je Hektar gezahlt, weiß Backhaus. Zu viel für Ost-Betriebe: "Da können heimische Landwirte nicht mehr mithalten. Das ist nicht mehr zu refinanzieren", kritisiert Tietböhl. Für die Betriebe sei die "Schmerzgrenze längst überschritten".

Das Geschäft bindet milliardenschweres Kapital der Bauern. Mehr als 2,1 Milliarden Euro haben sie seit 1990 in ihre Betriebe investiert - in neue Anlagen, neue Maschinen, neue Technologien, neue Tierherden. Zusätzlich steckten sie 1,6 Milliarden Euro in den Bodenkauf, rechnet Backhaus vor. Doch die jetzt verlangten Bodenpreise seien betriebswirtschaftlich nicht mehr vertretbar, warnt Uwe Gutzmann, Sprecher der VR Banken in MV. Die Unternehmen liefen Gefahr, ihre Betriebsgrundlage zu verlieren. Gutzmann: "Das ist für die Agrarstruktur in Mecklenburg-Vorpommern außerordentlich schädlich". Selbst Betriebe mit einer guten Kapitalausstattung stießen an Grenzen, meint VR-Banker Gutz mann. Bislang hätten die Unternehmen ihre Flächen vielfach gepachtet. Jetzt stünden sie vor der Frage, wie sie sich ihre Agrarflächen sichern könnten. Tietböhl: "Für den Kauf fehlt oft das Geld."

Zusammenhängende Flächen begehrt

Kapitalkräftige Geldgeber winken indes mit den Euroscheinen. Boden lässt sich nur einmal verteilen und ist nicht vermehrbar - das weckt Begehrlichkeiten. Vor allem große zusammenhängende Flächen wie in Ostdeutschland sind gefragt. Da kommen Leute, die hunderte Hektar aufkaufen, beobachtet Tietböhl. Der Müllriese Rethmann mit tausenden Hektar im Landkreis Parchim, die Industriellen-Familie Dornier oder auch der börsennotierte Agrarkonzern KTG mit 30 000 Hektar in Deutschland und Litauen: die Großen haben ihre Pflöcke längst eingeschlagen - auch die Familie des weltweit agierenden Möbelfabrikanten Steinhoff. Die kaufen immer mehr auf, weiß Bauernchef Tietböhl. "Mit Land kann man nichts falsch machen", begründet Angela Krüger-Steinhoff von der Steinhoff Familien-Holding. Gut Bartow im Landkreis Demmin, Agrarbetriebe in Gerswalde und Röddlin in der Uckermark sowie Felgentreu im Landkreis Teltow-Fläming: Tausende Hektar lassen die Steinhoffs inzwischen in Ostdeutschland bewirtschaften - vor allem für die Biogaserzeugung. "Wir diversifizieren unser Vermögen", meint Krüger-Steinhoff. "Boden wird immer einen Wert haben." Die Krise habe gezeigt, wie unsicher Wertpapiere sein können. Nur, anders als bei Fondsgesellschaften: "Unser Engagement ist langfristig angelegt", sagt Krüger-Steinhoff. "Da steht unsere Familie hinter und keine anonymen Fonds." Das Geschäft floriert: Zwar wolle man nicht "auf Teufel komm heraus" weiter Boden zukaufen, erklärt Krüger-Steinhoff. Aber: "In der Nähe der Betriebe bleibt es interessant, Pachtland in Eigenland umzuwandeln." Landesweit seien inzwischen 20 bis 25 Prozent der etwa eine Million Hektar Agrarfläche in MV an andere Eigentümer als die heimischen Bauern gegangen, schätzt Präsident Tietböhl.

Energiepflanzen sorgen für Nachfrage

Für Investoren sind Anlagen in Boden sicherer geworden als Engagement ins Aktien, beobachtet Genossenschafts-Banker und Chef der VR Bank Wismar, Uwe Gutz mann. "Geld ist da und sucht neue Anlagemöglichkeiten." Allerdings: Während das Engagement mancher finanzstarker Unternehmerfamilie langfristig angelegt sei - "Die denken in Generationen", meint Gutzmann - suchten andere Investoren die kurzfristige Geldanlage.

Inzwischen wird der Boden knapp. Der Anbauboom von Pflanzen zur Energiegewinnung sorge für zusätzliche Nachfrage auf dem Bodenmarkt und weiter steigende Preise, beobachtet Gutzmann. Der Ölkonzern BP, der koreanische Mischkonzern Daewoo, Fondsgesellschaften: Große Konzerne würden sich weltweit mit Flächen eindecken. "Da kommt ein Problem auf uns zu", sagt Gutzmann.

Bauernchef Tietböhl bleibt nur ein Wunsch: "Ich hoffe, dass auf dem Bodenmarkt die Vernunft zurückgekehrt und am Ende viele heimische Landwirte weiter wirtschaften können." Nur: Ob sich die Märkte beruhigen werden, "das weiß keiner", dämpft Banker Gutzmann die Erwartungen.

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