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Lokales

22. September 2017 | 20:44 Uhr

Kultur zwischen den Regalen

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erstellt am 11.Okt.2010 | 07:28 Uhr

Stadtmitte | Die "andere Buchhandlung" feiert heute 20. Jubiläum. Seit der Gründung im Nachwendeherbst 1990 sind zwei wechselvolle Jahrzehnte mit vier Umzügen sowie etlichen Höhen und Tiefen vergangen. Ohne den großen Mut und Kämpfergeist von Gründerin Petra Fehlhaber-Keiper hätte es die Buchhandlung, deren Name Programm und inhaltlicher Anspruch ist, wohl nie gegeben. "Nur Bestseller zu verkaufen und Stapelware mit billigen Kochbüchern vor die Tür zu stellen, war nie Petras und mein Anliegen", sagt Inhaber Manfred Keiper. Bei der "anderen Buchhandlung" geht es nicht nur um die pure Dienstleistung, Bücher zu verkaufen, sondern auch darum, dem Geist mit der Lektüre Glück zu bringen. Das war auch das Ziel der Gründerin, die 1995 nach einer kurzen, schweren Krankheit im Alter von 35 Jahren starb.

Autoren aus der Region im Blickfeld

Die Vielseitigkeit ihrer Arbeit war bezeichnend für ihr Naturell. Politisch engagierte sich die Wahl-Rostockerin im Unabhängigen Frauenverband. Sie verkaufte auch deshalb Bücher, um verschiedene Formen von Kultur in ihren Räumen finanzieren können. So organisierte Fehlhaber zwischen den Regalen Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. Konzeptionell lagen ihr vor allem Kinder und deren Leseförderung am Herzen - nicht nur wegen ihrer eigenen zwei Söhne. Die Buchhändlerin rückte Autoren aus der Region ins Blickfeld, für die sich niemand besonders interessierte. Den Namen ihrer Buchhandlung wählte sie auch deshalb, weil sie gegen Intoleranz und Ghettoisierung war. "Petra stand für Toleranz und Integration", sagt Keiper. Von Anfang an führte sie auch Titel für Schwule und Lesben. Sie wollte nicht nur eine Buchhandlung für Frauen leiten, sondern offen sein für alle Kunden - egal, ob Punker, Senioren oder Akademiker.

Schon vor der Wende träumte Petra Fehlhaber-Keiper von einem eigenen Geschäft. Damals war sie noch im Volksbuchhandel der DDR beschäftigt. Gleich nach der Wende wollte sie die Chance einer Existenzgründung nutzen. Zu der Zeit waren Gewerberäume knapp, eine Zuweisung erhielt sie vom Runden Tisch Gewerbe. Im ersten Geschäft in der Wismarschen Straße 18 gab es anfangs nicht einmal Telefon und Fax. Ein Auto besaß die Existenzgründerin ebenfalls nicht. "Es war damals der Solidarität anderer Geschäftsleute zu verdanken, dass sie ihre Eilbestellungen trotzdem am nächsten Tag ausliefern konnte", erzählt Keiper.

Er lernte die Rostockerin 1990 bei seiner Arbeit als Berater für Buchhandlungen kennen. Die kleine Frau mit der großen Courage beeindruckte ihn. "Ich war vorher nie an Frauen aus dem Osten interessiert und Petra wollte keinen Mann aus dem Westen kennenlernen", sagt Keiper, der nach ihrem Tod die Buchhandlungen weiterführte. "Betriebswirtschaftlich war das sicher keine gute Idee, aber emotional kam eine andere Entscheidung in der Situation nicht in Frage", sagt der 53-Jährige. Bei der Lektüre von Autoren des Landes und bei dem Kennenlernen der Region wurde ihm klar: "Ich konnte diese Frau hier nicht einfach in meine Heimatstadt Bremen wegholen. Petra brauchte Rostock und Mecklenburg wie eine Heimatprimel", sagt er. Das Paar bekam eine andere Sicht auf den Osten und den Westen. Im gemeinsamen Alltag wuchs das Verständnis für vorher Unverständliches, die Toleranz auch. "Wir haben gemerkt, dass die gesellschaftlichen Gräben oft woanders klaffen", sagt er.

Vorlesewettbewerb für Schulen

Im Rückblick auf das schwere Jahr 1995 weiß Keiper nicht mehr, wie er es bewältigen konnte: die Rettung der Buchhandlungen, die Trauer um seine große Liebe und die Sorge für die Söhne, die damals zwölf und knapp drei Jahre alt waren. Heute wäre die Gründerin stolz auf das Männer-Trio, das ihr Ziel verfolgt: "Die ,andere Buchhandlung soll am Leben bleiben", sagt Keiper. Momentan arbeitet der ältere Sohn mit, er hat auch Buchhändler gelernt. Der jüngere hat ähnliche Ambitionen angemeldet.

Einige der Ideen von damals baut Keiper aus: Zur Leseförderung von Kindern hat er den Vorlesewettbewerb für Schulen ins Leben gerufen. Beim vergangenen Deutschen Buchpreis war der Unternehmer in der Jury und liest seitdem noch wilder und schneller. "Ja, ich kann mich als lesegeil bezeichnen", sagt er. In diesem Jahr hat er bereits 100 Romane verschlungen. Aus Freude am Lesen veranstaltet er zum 20. Jubiläum vom 15. bis 21. November eine literarische Festwoche in der "anderen Buchhandlung".

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