"Kultur hat meine Seele gerettet"

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28. Januar 2010, 08:31 Uhr

Rostock | Anna Hanusová-Flachová lacht viel. Wenn sie erzählt, dann werden Bilder lang vergangener Zeiten lebendig. Auch wenn sie nicht mehr jedes Datum genau nennen kann, die Gesichter hat sie noch genau im Gedächtnis. An einen Tag kann sie sich besonders deutlich erinnern. Ihr elfter Geburtstag. "Da habe ich ein seltsames Geschenk bekommen. Es kam der Befehl, dass wir zum Transport nach Theresienstadt antreten sollten." Das war am 26. November 1941. Gestern hat Hanusová-Flachová in der Hochschule für Musik und Theater als Zeitzeugin ihrer Erinnerungen weitergeben.

Familie Flachov gehört zu den ersten, die in das Ghetto gebracht werden. Die Kinder kommen in Heime, Vater und Mutter werden in eine Unterkunft für Invaliden gebracht. "Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg einen Teil seiner rechten Hand verloren. Die deutschen Soldaten hatten wohl ein bisschen ein Herz für so etwas", erzählt Hanusová-Flachová. Auch wenn sie von ihren Eltern getrennt wohnten, so sei es für die Kinder in den Heimen besser gewesen. "Mein Brot habe ich aber immer zu meiner Mutter gebracht, damit sie es für mich einteilt", so die Tschechin.

Vor allem die Betreuerinnen sorgen für das Wohlergehen der Kinder. Im Geheimen bekommen sie Unterricht, abends wird vorgelesen, gesungen und getanzt. Hier hört Hanusová-Flachová zum ersten Mal das Spiel der Pianistin Alice Herz-Sommer. "Sie spielte mit solcher Hingabe, dass ich begriff, damit kann man sich und andere glücklich machen." Damals entschied sie, nach dem Krieg Pianistin zu werden. "Die Kultur hat meine Seele gerettet", sagt die 79-Jährige heute. Dadurch habe sie sich weiter wie ein Mensch gefühlt.

Theresienstadt wurde von den Nationalsozialisten als Vorzeige-Ghetto missbraucht. Für eine Delegation des Roten Kreuzes inszenierten sie hier eine heile jüdische Siedlung. Sie drehten einen Propaganda-Film, der der Welt ein Bild vorgaukelte, mit dem es die anderen Nationen leicht hatten, die Realität zu ignorieren. Hanusová-Flachová war gezwungen, bei der Produktion mitzuwirken. Die Kinder spielten die Oper "Brundibár" von Hans Krása - 55-mal. "Wir haben gesungen, weil die Musik so schön war. Aber wir haben es nicht gern getan", sagt Hanusová-Flachová. Lauter lachende Gesichter, das bekamen die Delegierten des Roten Kreuzes zu sehen. Was sie nicht wussten, die Mehrheit der im Film gezeigten Menschen sowie der Regisseur Kurt Gerron und der Komponist wurden kurz nach der Produktion des Streifens in Auschwitz ermordet. Die Rollen in der Oper mussten ständig neu besetzt werden, weil Mitwirkende abtransportiert worden waren. Hanusová-Flachová hatte Glück. Ihre Mutter schwindelte beim Geburtsjahr der Tochter. So blieb Hanusová-Flachová die Deportation ins Vernichtungslager erspart, die viele der etwa 15 000 in Theresienstadt internierten Kinder ereilte. Ihr großer Bruder und die ältere Schwester kamen in Konzentrationslager. Doch wie durch ein Wunder überlebten alle Familienmitglieder und fanden nach Kriegsende wieder zueinander. "Ich kenne keinen Hass", sagt die Frau, die das KZ Theresienstadt überlebt hat. Die Mädchen, mit denen sie in Zimmer 28 untergebracht war, trifft sie jährlich. "Wir sind wie Schwestern." Sie seien dazu erzogen worden, einander zu lieben und zu helfen.

Aus der Zeit in Theresienstadt ist Hanusová-Flachová ein Poesiealbum geblieben, in das viele Kinder, die in Angst vor der Deportation nach Auschwitz lebten, ihre Wünsche und Gedanken geschrieben haben. Bunte Bilder sind auf die Seiten gemalt. Zum Beispiel das eines großen Pilzes, des seinen Hut schützend über einem kleineren ausbreitet. So müsse einer für den anderen Sorge tragen, schreibt ein Junge dazu.

Den Opfern des Nationalsozialismus haben gestern Menschen in Rostock und weltweit gedacht. Am Mahnmal vor dem Zentrum für Nervenheilkunde des Universitätsklinikums in Gehlsdorf und am Gedenkstein für die Opfer des Faschismus am Rosengarten wurden Blumen und Kränze niedergelegt. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Von hier gelangten die Bilder der Gräueltaten der Nationalsozialisten an die Weltöffentlichkeit. Nur wenige Tage zuvor waren Zehntausende Menschen aus den Lagern evakuiert worden. Auf den so genannten Todesmärschen verloren viele von ihnen ihr Leben. In den Lagern selbst fanden die Soldaten der Roten Armee zurückgelassene Häftlinge, die zu krank oder zu schwach zum Marschieren gewesen waren. 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.

Einen Spruch aus ihrem Poesiealbum kann Hanusová-Flachová heute auswendig: "Es hat uns Theresienstadt nichts genutzt, wenn wir in unserem Leben nur einen einzigen Menschen unterdrücken." Den hat ihr eine Betreuerin hineingeschrieben.

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