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Lokales

18. November 2017 | 03:59 Uhr

"Kompag" und die schweren Fälle

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erstellt am 17.Okt.2010 | 08:37 Uhr

Parchim//Sternberg | Mittlerweile gibt es etliche Adressen, an die sich Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre wenden können, wenn sie Probleme haben. Das Kummertelefon bei Liebeskummer mal ausgenommen.

Nein, hier geht es um gravierende Probleme, wie die fehlende Lehrstelle, die fehlende Wohnung oder finanzielle Nöte, die nicht selten, dafür aber ungemein schnell zu existenziellen Begleiterscheinungen führen. Eine dieser Anlaufstellen ist die "Kompag" - die Kompetenzagentur Westmecklenburg/Güstrow. 2006 wurde sie mit acht Büros, u.a. in Parchim und Lübz, begründet, um eines zu erreichen: benachteiligte Jugendliche ohne Rückhalt in der Familie beruflich und sozial zu integrieren.

Die "Kompag" ist dabei weit entfernt davon, eine Behörde zu sein. Träger ist die Berufsbildungsstätte Start GmbH, die ihren Sitz in Ludwigslust hat und in diesem Projekt über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den Europäischen Sozialfonds und die Arge gefördert wird. "Außerdem sind unsere Angebote kostenlos, sie sind freiwillig und alles wird vertraulich behandelt", stellt Case Manager Henry Topp von vornherein klar.

Zur "Kompag" kommen die Jugendlichen auf den unterschiedlichsten Wegen. Offiziell über die Argen, den Fachdienst Jugend der Kreisverwaltung sowie über die Berufsberatung. Weil es die Kompetenzagentur über die Jahre aber geschafft hat, sich zu etablieren, funktioniert zunehmend auch der Buschfunk. "Tatsächlich wurden viele unserer Klienten durch ihre Familien, Freunde oder auch Unternehmen angeschubst, zu uns zu kommen", sagt Petra Schröder. 142 Klienten waren es im Förderzeitraum bislang. "Mehr oder minder schwere Fälle", sagt Topp. Wobei die schweren, die eine langfristige Intensivberatung und -begleitung von durchschnittlich 30 Wochen erfordern, mit 107 deutlich überwiegen. Und beide Case Manager gehen davon aus, dass deren Zahl in den kommenden Jahren steigen wird.

Nicht immer ist die Arbeit der beiden Kompag-Mitarbeiter, die allein in Parchim eng mit 94 Kooperationspartnern (Schulen, Bildungsträger, Jugendringe etc.) zusammenarbeiten, von Erfolg gekrönt. 19 junge Leute haben sie in Ausbildung gebracht, acht in Arbeit, zehn in andere längerfristige Maßnahmen, vier haben sie aus der Obdachlosigkeit geholt, sechs vor drohender Obdachlosigkeit bewahrt. "Manchmal aber", sagt Topp, "wenn die jungen Leute Hilfen absolut verweigern, müssen wir sie fallen lassen." Das sei schwer, endete in den vergangenen Jahren aber immer damit, dass diese Mädchen und Jungen nach ein zwei Jahren wieder bei Kompag auftauchten - dann richtig am Boden. "Man kann niemanden zwingen. Dieses Stadium müssen wir ganz einfach abwarten", ist Topp überzeugt.

Überzeugt sind beide Case Manager aber auch davon, dass der Erfolg ihrer Arbeit nicht davon abhängt, wieviele junge Leute den Weg zur Kompag finden. "Ganz wichtig bei uns ist die aufsuchende Arbeit", sagt Topp. Oft machen sich beide auf den Weg, zu Beratungen in die Schulen in Lübz und Goldberg, zu Klienten, die außerhalb von Parchim wohnen. Seit das zweite Büro in der Region, jenes in Lübz nämlich, vor wenigen Wochen eingespart wurde, mehr denn je. In Lübz gebe es zahlreiche Anbieter wie die Kompag. Und so entschloss sich die Kompetenzagentur Westmecklenburg-Güstrow ihre Dienste zu konzentrieren. Petra Schröder: "Unsere Klienten im Sternberger Raum werden jetzt von den Güstrowern mit betreut, unser Schwerpunkt liegt in Parchim, wo wir sehr eng und sehr gut mit der Stadt sowie dem Fachdienst Jugend der Kreisverwaltung zusammenarbeiten und große Unterstützung erfahren."

Gänzlich hat die Kompag ihre Stützpunkte in Lübz und Goldberg jedoch nicht aufgegeben. In Lübz agieren die Case Manager seit Wochen von einem Raum aus, der ihnen vom Mehrgenerationenhaus bereitgestellt ist. "Und in Goldberg und Umgebung haben wir soviele Klienten, dass uns die Husemann-Schule einen Raum zur Verfügung gestellt hat", erklärt Topp und hebt die ohne gute Zusammenarbeit mit der Einrichtung sowie die finanziellen Unterstützung des Amtes Goldberg hervor. Während sich Petra Schröder längst zur verschwiegenen Beratung mit einer jungen Parchimerin zurückgezogen hat, greift sich Topp seine Tasche und macht sich auf den Weg nach Goldberg - ein Klient und Arbeit warten.

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