Landwirt in Stieten verschiebt zum Schutz der Jungtiere die Abkalbzeit : Kolkraben töten Kälber

Kälber der Mutterkuhherde in Stieten. Hier wurden in den vergangenen Jahren mehrere Jungtiere von Kolkraben zerfleischt. Michael Beitien
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Kälber der Mutterkuhherde in Stieten. Hier wurden in den vergangenen Jahren mehrere Jungtiere von Kolkraben zerfleischt. Michael Beitien

Aufgepickte Augen, fehlende Ohren und Zungen, großflächige Fleischwunden in den Scharmbereichen - Kolkraben töten Kälber auf den Weiden und fügen ihnen schwere Verletzungen zu.

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18. Mai 2011, 07:04 Uhr

Stieten | Kolkraben töten Kälber auf den Weiden und fügen ihnen schwere Verletzungen zu. "Aufgepickte Augen, fehlende Ohren und Zungen, großflächige Fleischwunden in den Scharmbereichen" - so schilderte Betriebsleiter Torsten Schmidt den Zustand von Tieren auf den Weiden von Gut Stieten. In diesem Frühjahr gibt es bei ihm seltene Attacken. Besonders schlimm war es vor drei Jahren. Damals schätzte Schmidt den Verlust auf fast 30 Kälber. Durch Übergriffe von Kolkraben auf Tiere der frei laufenden Mutterkuhherden habe es nicht nur mehrere Totalverluste an neugeborenen Kälbern gegeben, sondern zum Teil auch erhebliche Verletzungen an Muttertieren, Färsen und Kälbern. Um weitere Schäden abzuwenden, beantragte Schmidt im Frühjahr 2008 bei der Unteren Jagdbehörde des Landkreises Parchim den Abschuss von Einzeltieren.

Vom Ordnungsamt in Parchim erhielt das Gut Stieten schließlich die Genehmigung, dass zwei namentlich benannte Jäger innerhalb von einer Woche fünf Kolkraben schießen durften. Und zwar genau in dem Bereich, wo die Mutterherde gehalten wird. Das taten die Jäger auch. Doch die Gebühr von 50 Euro, die der Landkreis für die Erlaubnis kassierte, hätte er sich sparen können, so Schmidt heute. Denn an der Situation änderte sich nach der Jagd nichts. 55 Kolkraben flogen an seiner Herde hoch, als er in die Hände klatschte. Noch einmal genau so viele lauerten in der Umgebung.

"Es sind Junggesellen, die sich zu größeren Gruppen zusammenrotten", erklärt Dr. Lothar Daubner, Ornithologe aus Klein Görnow. Diese Vögel brüten nicht und ziehen über Land und sammeln sich an Punkten, wo es Futter gibt, beispielsweise bei vernachlässigten Herden. Kolkraben sind Aasfresser und eine Art von Gesundheitspolizei, so Daubner. Und sie verfügen über einen starken Geruchssinn, um Futter aufzuspüren.

Kommt es auf Weiden zum Abkalben oder Ablammen, fressen die Raben das, was nach der Geburt liegen bleibt. Ist die Nachgeburt weg, sind kranke Kälber die nächsten Opfer. Und danach machen sich die Kolkraben über die schwächelnden Jungtiere her.

Ein Problem, das entsteht, wenn die Tiere sich selbst überlassen sind, so Daubner. Er empfiehlt regelmäßige Kontrollen, und zwar mehrfach am Tag. Nachgeburten müssen abgesammelt, schwache Kälber ausgesondert werden. "Wichtig ist die Pflege der Herde", so Daubner auch zum Ablammen von Schafen unter freiem Himmel. Die müssten genau so intensiv betreut werden wie in der Ablammzeit im Stall. Kranke Tiere dürfen nicht sich selbst überlassen werden. Anderenfalls können sich nicht nur Kolkraben, sondern auch Füchse und Marderhunde an den Tieren gütlich tun. Es bringe nichts, so der Ornithologe, wenn man versucht, die schlauen Kolkraben zu jagen.

Torsten Schmidt in Stieten hat einen Weg gefunden, um den sich zusammenraufenden schwarzen Räubern zumindest etwas den Appetit zu verderben. Seine Kühe in Stieten kalben seit dem vergangenen Jahr nicht mehr im Januar/Februar ab, sondern erst im April. Dann, so seine Beobachtung, machen sich auch die Kolkraben um Stieten rarer. Nachteil der späteren Geburt: Die Kälber aus Stieten stehen nicht mehr im September/Oktober zum Verkauf, sondern erst im Dezember. Und dann, so die Erfahrung von Schmidt, sind wiederum die Fleischpreise niedriger.

Während auf seinen Weiden die Aasfresser inzwischen seltener gesehen werden, entdeckte der Landwirt aus Stieten sie zwischenzeitlich auf einer anderen Weide im Landkreis Parchim.

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