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Lokales

24. Oktober 2017 | 07:41 Uhr

Klimaforschung vor der Haustür

vom

svz.de von
erstellt am 06.Sep.2010 | 07:38 Uhr

Rostock | Brütende Hitze in den Städten. Niederschläge, der ganze Straßenzüge unter Wasser setzen. Dieses Horrorszenario malten Wissenschaftler gestern bei einem internationalen Expertentreffen gestern in Rostock. Der Hintergrund: Bis zum Jahr 2100 soll die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland um zwei bis vier Grad Celsius ansteigen. Darauf müssen sich Länder und Städte vorbereiten, forderte darum Karl Trauernicht, Leiter des Referats für Klimaüberwachung im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. "Wir müssen den Klimawandel erkennen und verstehen, um ihn in die Zukunft projizieren und Auswirkungen abschätzen zu können", so sein Appell. An das sich verändernde Wetter müsse sich der Mensch anpassen.

Gerade die Industrienationen sind mit ihren hoch technisierten Abläufen besonders anfällig fürs Wetter-Chaos. Denn der Klimawandel, da ist sich Prof. Gerhard Adrian sicher, wird sich lange vor einer Sintflut oder anderen Zukunftsszenarien bemerkbar machen. Der Präsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD) liefert gleich ein Beispiel: "Beim Neubau von Kanalsystemen in Städten sind Klimaforscher gefragt." Diese Anlagen werden für eine Dauer von etwa 100 Jahren installiert. Dabei sei es wichtig, so Adrian, dass die voraussichtliche Menge an Niederschlag bei den Planungen bedacht wird. Der vage Blick in die Zukunft sei dabei in jedem Fall besser, als der in die Vergangenheit.

Bis auf zehn Quadratkilometer Genauigkeit wollen Klimaforscher das Wetter und dessen Wandel in Zukunft bestimmen können. Darum sind sie auf die Werte angewiesen, die Satelliten aus dem Orbit liefern. In Kombination mit den Daten, die Wetterstationen sammeln, soll so der Klimawandel auf regionaler Ebene prognostiziert werden. Dazu benötigen die Forscher vor allem kontinuierliche Datenreihen. Die ältesten, für die Wissenschaftler verwertbaren Messungen aus dem All, reichen immerhin bereits Jahrzehnte zurück.

Mit zum Teil 30 Jahre alten Satellitendaten wollen Forscher nun Veränderungen im Weltklima genauer vorhersagen. Dabei geht es um Daten zur Bewölkung, Luftfeuchtigkeit oder Strahlung in der Atmosphäre, wie Gerhard Adrian betont. Diese Daten seien bisher nicht für die Klimaforschung ausgewertet worden. In den kommenden Monaten werde eine 20 Jahre umfassende Zeitreihe fertig gestellt. Diese soll helfen, belastbarere Aussagen für die Klimamodelle der kommenden 50 und 100 Jahre zu treffen. Es sei aber ein riesiger Aufwand, diese Daten aufzubereiten, so der Experte.

Mit den nun zur Verfügung stehenden Daten könne die Wissenschaft nachträglich überprüfen, ob Klimaforscher vor zwei oder drei Jahrzehnten - allerdings auf wesentlich unsicherer Datenlage - schon richtige Klimaprognosen erstellt hätten. DWD-Auswertungen zeigen, dass die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland seit 1880 bis heute um 1,1 Grad zugenommen hat. Bis zum Jahr 2100 müsse mit einem Anstieg um weitere 2 bis 4 Grad gerechnet werden, "bei diesem einfachen Parameter Lufttemperatur ist man sich sicher", sagte Adrian. Aber das Wissen um die Steigerung der Lufttemperatur, die mit immer größerer Sicherheit bestätigt werde, reiche den Menschen nicht mehr aus.

In Rostock haben sich deshalb Experten des Wetterdienstes und der Organisation Eumetsat, die Satellitendaten zur Weiterverarbeitung liefert, zu diesem internationalen Workshop getroffen. Es sind aber nicht nur Forscher, die auf die Messreihen zurückgreifen. Vor allem die Branche der Solarenergie profitiert von den DWD-Daten. Auch Stadtplaner sind mehr und mehr auf die Beratung durch Klima-Experten angewiesen.

"Eine Frage ist: Was kann getan werden, damit das Leben in einer Stadt trotz lang anhaltender Hitzeperioden ertragbar bleibt", führt Adrian an. Grünanlagen oder schattige Plätze seien Möglichkeiten. Auch ein Warnsystem für Hitzewellen sei vorstellbar. So könnte dem Wetterbericht anstelle der Sturm- eine Hitzewarnung folgen. Denn: "Die Zahl der Tage, die extrem heiß werden, steigt", so Adrian.

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