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Lokales

19. November 2017 | 22:56 Uhr

Gewalt in der Familie : Kinder in der Falle

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Vernachlässigung, Gewalt – Jugendämter betreuen Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten

svz.de von
erstellt am 05.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Mitarbeiter des Jugendamts, Sozialarbeiter, Familientherapeuten – alle waren mit dem Fall der sechs Wochen alten Emilia befasst, die im Juli dieses Jahres von ihrem Vater geschüttelt und dabei schwer verletzt wurde. Mutter und Kind kamen in eine Einrichtung der Jugendhilfe, gegen den Vater wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, er kam jedoch nicht in Untersuchungshaft. Als die Familie im September wieder in Berlin-Pankow zusammen wohnte, gab der Sozialdienst, der sie betreute, eine positive Prognose ab. Dann, Ende November, geschah das, was nach Ansicht der Experten äußerst unwahrscheinlich war: Der Vater wurde erneut gewalttätig. Ob das Mädchen bleibende Schäden zurückbehalten wird, kann niemand sagen.

Nun stehen Helfer und Jugendamt wieder einmal in der Kritik: Wie konnte das passieren? Warum hat der Kinderschutz bei der Familie, die in einfachen Verhältnissen lebt, versagt? So oder so ähnlich lauteten die Fragen auch nach dem Tod der zweijährigen Lea-Sophie in Schwerin (2009) und der dreijährigen Yagmur in Hamburg (2013). In Erkner (Oder-Spree) kam 2012 ein vierjähriges Mädchen ums Leben, obwohl verschiedene Behörden in Kontakt mit Teilen der Familie standen. „Jeder Fall ist anders gelagert“, sagt der Jugendamtsleiter des Kreises Oder-Spree, Martin Isermeyer. „In Erkner hatten wir nur Kontakt zu den Großeltern. Als die Mutter später mit ihrem Kind aus Mecklenburg-Vorpommern nach Erkner zog, war dem Jugendamt nicht bekannt, dass die junge Frau unter einer schweren psychischen Erkrankung litt. Auch in der Kita und beim Jobcenter wurden die Probleme nicht gesehen.“ Damals sei geprüft worden, ob Optimierungsbedarf bestehe, man habe dafür aber keine Anhaltspunkte gefunden.

Immerhin können die Mitarbeiter der Jugendämter im Verbund mit den freien Trägern der Jugendhilfe in den allermeisten Fällen helfen und familiäre Krisensituationen zum Guten wenden. Ein typischer Fall: An einem frühen Sonntagmorgen ruft die Polizei bei der Rufbereitschaft des Jugendamts des Kreises an. Eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern liege betrunken in der Wohnung, was tun mit den drei Kindern im Alter von zwei bis zwölf Jahren? Die Mitarbeiter sehen keine andere Möglichkeit, als die Kinder sofort aus der Familie zu nehmen. Die beiden größeren kommen in Räume des Kindernotdienstes, das zweijährige in eine Pflegefamilie, die auch Notfälle betreut. Die Mutter hilft sogar noch, die Taschen der Kinder zu packen, dann geht es mitten in der Nacht los. Zwar erhält die Frau eine Strafanzeige wegen Verletzung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht. Aber der Fall geht gut aus, erzählt Martin Saupe vom in Fürstenwalde ansässigen Allgemeinen Sozialdienst, der zum Jugendamt gehört. „Für den nächsten Werktag wurde mit der Mutter ein Termin beim Jugendamt vereinbart. Es stellte sich heraus, dass die Frau gerade ihre eigene Mutter verloren hatte und mit ihrer gesamten Lebenssituation überfordert war.“

Die Frau zeigt sich einsichtig, und als eine Erziehungshelferin sie anleitet, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, legt sie selbst mit Hand an. „Am Montagnachmittag kamen die Kinder zurück“, sagt Saupe. Danach folgen Beratungs- und Therapiegespräche. Auch finanzielle Dinge mit dem Jobcenter werden abgeklärt. „Nach einem halben Jahr hatte die Frau ihre Probleme im Griff“, erzählt Saupe, der in seiner Arbeit nach dem Prinzip verfährt: „Wenn es der Mutter gut geht, geht es dem Kind gut.“ Von Problemen sei ihm seit dieser Zeit nichts mehr zu Ohren gekommen. „Ein gutes Zeichen.“

Spielt dieser Fall in einem ärmeren Milieu, so müssen sich die Jugendämter aber auch immer wieder mit Vorgängen in wohlhabenden Familien befassen. „Wir registrieren eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung“, sagt der Sozialarbeiter. „Wenn beide Elternteile berufstätig sind und das Geldverdienen im Vordergrund steht, haben manche nicht mehr im Blick, was ihre Kinder so treiben.“

Er erzählt, wie eines Tages eine Mutter zum Jugendamt kommt und dort ihr Leid klagt. Die 13-jährige Tochter wirke in sich gekehrt, lasse keinen mehr an sich ran. Die meiste Zeit liege sie auf dem Bett und spiele an ihrem Laptop herum. „Ich mache mir Sorgen“, sagt die Mutter. „Es stellte sich heraus, dass das Mädchen über ein Internetforum Kontakt zu einem erwachsenen Mann aufgenommen hatte, der sich aber als Jugendlicher ausgab. Es kam sogar zu einem Treffen. Und zum versuchten Missbrauch“, erzählt der Sozialarbeiter. Ein mangelndes Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Eltern sei der Grund für diese dramatische Entwicklung gewesen, konstatiert Saupe. Im Rahmen von Therapiegesprächen, die sich über ein dreiviertel Jahr hinziehen, gelingt es, die Familie wieder näher zusammenzuführen. „Die Eltern machten sich zunächst gegenseitig Vorwürfe, wie es zu dieser Situation habe kommen können“, sagt der Sozialarbeiter. Auch dieser Fall habe sich positiv entwickelt.

Aber nicht alle Konflikte gehen gut aus. So sind im Jahr 2013 von den insgesamt 1459 Kindern und Jugendlichen, die von Jugendämtern aus Familien genommen wurden, weniger als die Hälfte anschließend wieder zu den Eltern zurückgekehrt. „Die Ämter und die Gerichte machen sich die Entscheidung nicht leicht“, sagt Jugendamtsleiter Isermeyer. Aber in vielen Fällen sei eine längerfristige Unterbringung bei einer Pflegefamilie oder in einer Kleingruppe im Heim unvermeidlich.

Das gilt vor allem, wenn Eltern auf Stresssituationen nur noch mit körperlicher Gewalt reagieren können. Sozialarbeiter Saupe ist zwar davon überzeugt, dass „Eltern ihre Kinder nicht schlagen, weil sie Freude daran haben, sondern weil sie überlastet und hilflos sind“. Aber diese Verhaltensweisen seien nicht leicht zu ändern. Besorgten Angehörigen rät er, selber Unterstützung anzubieten oder den Gang zur Erziehungs- und Familienberatungsstelle oder zum Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes zu werben.

„Dramatisch ist vor allem, wenn Säuglinge oder Kleinkinder betroffen sind“, sagt Saupe. „Babys mit Rippenbrüchen zum Beispiel, die ihnen offensichtlich von einem Elternteil zugefügt wurden – das sind Fälle, die auch für meine Kollegen sehr belastend sind.“

 

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