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Lokales

17. Oktober 2017 | 02:44 Uhr

Kein Mitleid mit schwarzen Schafen

vom

svz.de von
erstellt am 01.Sep.2010 | 08:00 Uhr

Schwerin | Weil bei der Supermarktkette Lidl Kassiererinnen heimlich mit Kameras überwacht und bei der Deutschen Bahn E-Mails von Angestellten mitgelesen wurden, will die Bundesregierung den Datenschutz für Arbeitnehmer verbessern. Karen W. aus Schwerin wird sich dennoch weiter auf die Lauer legen. Im Auftrag von Unternehmen und Rechtsanwälten stellt die Detektivin mutmaßlichen Schwarzarbeitern nach. Sie überprüft, ob Krankenscheine zu Recht abgegeben wurden. Sie sucht nach Beweisen gegen Lagerarbeiter, wenn der Bestand in den Regalen auf ungeklärte Weise schrumpft oder wenn in der Restaurant-Kasse regelmäßig das Haben nicht mit dem Soll übereinstimmt. Wen sie erwischt, dem droht die Kündigung durch seinen Chef.

Immer mehr Unternehmer lassen Krankgemeldete überwachen

Vor kurzem hat Karen W. einen Handwerker beobachtet, der den Drahtzaun aus seiner Firma privat verkauft hat. Der Chef des Mannes verdächtigte ihn seit Längerem, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Weil er es nicht beweisen konnte, schaltete er Karen W. ein. Genau protokolliert hat die Detektivin auch den Tagesablauf eines Handelsvertreters. Der saß lieber zu Hause auf dem Balkon, als für seinen Arbeitgeber Kunden zu besuchen.

Immer mehr Aufträge bekommt Karen W. von Firmen, die den einen oder anderen Mitarbeiter für gesünder halten, als der eingereichte Krankenschein vermuten lässt. "Manche verdienen sich sogar schwarz ein Zubrot, während sie eigentlich krank im Bett liegen sollten", erzählt die Privatermittlerin. Sie testet auch Verkäufer. "In einer Tankstelle habe ich stangenweise Zigaretten gekauft. Das Geld hat die Angestellte in die private Tasche gesteckt, statt es über die Kasse abzurechnen."

Wenn die Detektivin auf Recherche geht, schlüpft sie gegebenenfalls in die Rollen verschiedener unauffälliger Frauen. "Ich lass mir immer etwas einfallen", erzählt sie. Wichtig sei es, in Bewegung zu bleiben. "Wer zögert oder keinen Plan hat, fällt auf."

Unter einem Vorwand fragt Karen W. die Nachbarn aus

In ihrem unscheinbaren Mittelklassewagen lagern meist verschiedene Jacken und Mützen, aber auch die eine oder andere Perücke. Manche Observationen ziehen sich über mehrere Tage hin. Aufgeflogen ist Karen W. noch nie. Nur einmal haben unbeteiligte Nachbarn die Polizei benachrichtigt, weil ihnen das in der Gegend unbekannte Auto von Karen W. verdächtig vorkam.

In Konflikt mit den staatlichen Ordnungshütern ist die Detektivin bislang immer nur dann gekommen, wenn ihr "Opfer" zu schnell einen Ortswechsel vornahm. Dann war auch sie in ihrem Wagen manchmal schneller unterwegs als erlaubt. Im öffentlichen Raum darf die Detektivin ungehindert ihrer Arbeit nachgehen. Kamera und Nachsichtgerät gehören zu ihrer Ausrüstung. Tabu sind die Privatwohnungen der zu überwachenden Personen.

Wenn die Beobachtung allein nicht reicht, erkundigt sie sich unter einem Vorwand ("Ich bin eine alte Schulfreundin") bei den Nachbarn. Oder sie macht sich direkt an ihr "Zielobjekt" heran. "Wenn ich ihr Vertrauen gewinne, sind sie meist vollkommen unbefangen. Sie erzählen selbst Dinge, die ich gar nicht wissen muss, um meinen Auftrag zu erfüllen." Aber der Auftraggeber erfährt nur das, wonach er sucht, versichert Karen W.

Bevor sie loslegt, vereinbart die Freiberuflerin feste Stundensätze und Spesen für ihre Ermittlungen. Dafür liefert sie einen Bericht und gegebenenfalls Fotos. "In einigen Fällen musste ich auch als Zeugin vor dem Arbeitsgericht aussagen, wenn der Beschuldigte sich beispielsweise gegen die Kündigung wehrte."

Nach der Wiedervereinigung arbeitete Karen W. in verschiedenen Führungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung. Mehr möchte sie nicht verraten. 1997 machte sie sich als Detektivin selbstständig. Auftrag für Auftrag sammelte sie Erfahrungen. Außerdem, ergänzt sie selbstbewusst, verfüge sie über die notwenige Portion Menschenkenntnis. "Den Schlawiner erkenne ich an der Nasenspitze."

Zahlreiche Detekteien malen auf ihren Internetdateien ein drastisches Bild von den möglichen Schäden, die auch kleinen und mittelständischen Unternehmern drohen, wenn sie allzu blauäugig mit ihren Mitarbeitern umgehen. Ihre Kunden hingegen halten sich verborgen. "Niemand möchte gern offenbaren, dass er einen Detektiv beauftragt hat. Das wird auch als eigene Schlappe angesehen", sagt Edgar Hummelsheim, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schwerin. Außerdem seien kaum schwarze Schafe in den Belegschaften der Handwerksbetriebe Mecklenburg-Vorpommerns zu finden. Hummelsheim: "Die Unternehmen sind viel zu klein. Da weiß man, was man von einander zu halten hat."

Nur 50 Prozent der Diebstähle auf Kunden zurückzuführen

Die Einzelhändler sind offenbar stärker betroffen. "Man rechnet, dass nur 50 Prozent der Diebstähle auf Kunden zurückzuführen sind", sagt Harald Treiber vom Einzelhandelsverband Nord. "Es gibt einen erheblichen Schaden durch Mitarbeiter." In Einzelfällen summiere er sich "schnell mal zu einem fünfstelligen Betrag". Bundesweit geht dieser Schaden angeblich in die Milliarden. Diebischen Mitarbeitern böten sich einfach mehr Gelegenheiten als "kriminellen" Kunden, sagt Treiber. "Ladeninhaber hegen kein grundsätzliches Misstrauen. Dann könnten sie ihr Geschäft gar nicht betreiben."

In einem Fall habe eine Supermarkt-Kassiererin den Einkaufswagen von Bekannten immer wieder stillschweigend durchgelassen ohne zu kassieren. Eine andere zahlte Pfandgeld aus, obwohl kein Leergut zurückgegeben wurde. Um solchen und ähnlichen Fällen auf die Spur zu kommen, sollte ein Ladeninhaber "seine Zahlen im Griff haben", rät Harald Treiber. "Sind sie sorgsam aufgearbeitet, merkt man leichter, wo sich ein Leck befindet." Seiner Meinung nach benehmen sich Mitarbeiter, die stehlen, anders als ihre Kollegen. "Geschäftsinhaber haben mir gesagt: ,Ich hatte ein Bauchgefühl.´ Darauf sollte man hören und gegebenenfalls auch professionelle Hilfe holen." Einige schwarze Schafe lassen sich allerdings bereits bei der Bewerbung ausschließen, meint Treiber. "Da fehlt der Ehrlichkeitsvermerk auf dem Zeugnis."

Karen W. hat übrigens kein Mitleid mit den Ertappten. "Die haben einen festen Job, den sie selbst aufs Spiel gesetzt haben."

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