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Lokales

24. November 2017 | 01:07 Uhr

Kaufmann aus Leidenschaft

vom

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erstellt am 14.Okt.2010 | 07:53 Uhr

Bützow | Andreas Holtz steht neben der Obst- und Gemüseablage des gleichnamigen Lebensmittelladens und packt Äpfel und Weintrauben in rote Kisten. Der 31-Jährige arbeiten in dem Kaufmannsladen "Kurt Holtz uHG" in vierter Generation - heute vor 100 Jahren hatte sein Urgroßvater Ernst Holtz das Geschäft in der Schloßstraße 1 von der Firma Carl Teich übernommen. Einem Geschäftsmotto ist die Familie über die vielen Jahrzehnte treu geblieben: "Wir sind in der Nähe und haben stets ein Ohr am Kunden", sagt der 31-Jährige, der in Hamburg Volkswirtschaft studiert hat. Mit dieser Formel scheint sich das alteingesessene Geschäft auch gegen die Discounter im äußeren Zentrum und Gewerbegebiet behaupten zu können. "Wir haben auch alles da, nur nicht von jedem Artikel jeden erdenklichen Anbieter", erläutert der junge Kaufmann.

Das war damals, zu DDR-Zeiten, nicht so. Teilweise hatte Kurt Holtz - weil er ein selbstständiger Kaufmann war - mit Wettbewerbsnachteilen und geringeren Warenkontingenten zu rechnen. Auch das Einkaufen war damals ganz anders: Statt selbst die Produkte aus den Regalen zu nehmen, haben Verkäuferinnen die Waren für die Kunden in die Körbe gelegt. "Das werde ich nicht vergessen, denn wo jetzt die beiden Kühltruhen stehen, war einst ein Verkaufstresen", berichtet Holtz, der immer noch Äpfel und Weintrauben zusammenpackt. Die Kunden hätten dort angestanden und den Verkäuferinnen ihre Wünsche genannt.

In und an dem Laden hat es von Anfang an Veränderungen gegeben. Beispielsweise ließ Ernst Holtz im Jahr 1925 einen Stall zum Warenlager umbauen und änderte die Fassade des Gebäudes, wie es in einer Facharbeit von Andreas Holtz zur Geschichte des Hauses heißt. "In den Bauakten von 1927 wird darauf hingewiesen, dass die Straßenseite des Wohnhauses massiv mit Schaufenstern ausgestattet wurde", schildert Holtz in seiner Arbeit. Peu à peu vergrößerte sich der Laden; 1934 legte sich Ernst Holtz sogar ein Auto zu. Typisch Kaufmann: So konnte er seinen Kundenkreis noch mehr vergrößern. Doch viele Menschen zog es auch aus den umliegenden Dörfern nach dem Einkauf oder beim Besuch der Stadt sowohl in das Geschäft als auch in die angrenzende Gastwirtschaft, die heutige "Holtz Apteik". "Früher hat man fast nur niederdeutsch gesprochen und deswegen heißt es Apteik statt Apotheke", erklärt Andreas Holtz. Doch statt Medizin hatten die Menschen dort ein zünftiges Bier getrunken und dabei Probleme der Zeit oder auch ihre eigenen Neuigkeiten lauthals ausdiskutiert. "Man kann sagen, dass der Besuch der ,Holtz Apteik einer Art Seelenerleichterung und Kurierung gleichkam", sagt Andreas Holtz und schmunzelt dabei. Sein Urgroßvater Ernst Holtz habe zur Unterhaltung sogar ein elektrisches Klavier angeschafft, dass für ein paar Pfennige bekannte Melodien spielte. Es steht noch heute in der "Holtz Apteik" und spielt zu besonderen Anlässen die historischen Melodien.

Doch schon bald war es mit den lustigen Zeiten vorbei: Der Zweite Weltkrieg stellte die Geschäftsleute auf eine harte Probe. Ernst Holtz meisterte diese Zeit. Und auch sein Sohn Kurt Holtz war ein pfiffiger Kaufmann, manövrierte seinen Laden sicher durch die DDR-Zeit. Die Wende erlebte er jedoch nicht mehr. Bei seinem Sohn, Ernst-Rüdiger, war die erste Euphorie über die freie Marktwirtschaft schnell verflogen: Früh hatte er mit hartem Wettbewerbsdruck zu kämpfen. Und wieder passte sich der Laden den Bedingungen der Zeit an: Aus dem nostalgischen Kaufmannsgeschäft wurde ein moderner, discount-ähnlicher Laden. Auch die Hausfassade wurde verändert, ein großes Schaufenster entfernt.

In einigen Monaten wird Andreas Holtz den Laden leiten. "Ich wollte schon immer Kaufmann werden", sagt der studierte Volkswirt. Er bleibt angesichts von Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit aber optimistisch. "Wir haben harte Zeiten nie als Bedrohung, sondern immer als Herausforderung gesehen".

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