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Ein Verhandlungstag von Strafrichterin Müller am Gericht Ludwigslust : Justitia muss ohne Blackout urteilen

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Dass Strafrichterin Müller vom Amtsgericht Ludwigslust manchmal nicht die ganze Wahrheit erfährt, wie es der römische Göttin Justitia, gelungen sein soll, dass war im Verlauf dieser Woche zu verfolgen.

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erstellt am 22.Jul.2011 | 09:15 Uhr

Ludwigslust | Recht zu sprechen, das ist die ureigenste Aufgabe von Richtern. Dass Strafrichterin Müller vom Amtsgericht Ludwigslust manchmal nicht die ganze Wahrheit erfährt, bis sie zum Urteilsspruch gelangt, wie es der römische Göttin der Gerechtigkeit und des Rechtswesens, Justitia, gelungen sein soll, dass war im Verlauf von vier Verhandlungen in dieser Woche zu verfolgen. Ein Urteil allerdings stand am späten Nachmittag fest: Die Richterin darf keinen Blackout bei der Urteilsfindung leisten, wie drei Angeklagte und Zeugen.

Angeklagter erschien erst gar nicht vor Gericht

In der ersten Strafsache erschien der Angeklagte zum Erstaunen der Vorsitzenden Müller und Staatsanwalt Sengbusch erst gar nicht im Verhandlungssaal zwei. Der Straftäter sollte sich wegen des Vorwurfs des Diebstahls oder der Hehlerei verantworten. Richterin und Staatsanwalt fassten sich nach kurzer Wartezeit mit ihrem einvernehmlichen Strafmaß kurz: 120 Tagessätze zu 15 Euro verhängten sie gegen den sozial schwachen Angeklagten. Nimmt der dieses Urteil nicht an, dann muss er zwingend vor Gericht erscheinen.

Neue Verhandlung, weil Angeklagter nicht glaubwürdig

Mit einer Geschichte, die Richterin Müller und Staatsanwalt Sengbusch dem wegen eines Fahrraddiebstahls angeklagten Manuel G. aus Neustadt-Glewe nicht glaubten, begann die zweite Verhandlung. Der sagte nämlich aus, dass ihm ein mittlerweile nicht mehr bei seinem Arbeitgeber beschäftigter Kollege das nicht gesicherte Rad unter vielen anderen angeboten hätte. Der 29-jährige Beschuldigte wollte in der Mittagspause zu seiner Wohnung, weil er dort seinen Hund versorgen musste. Sonst hätten ihn stets eine Mitarbeiterin und ein Bekannter dorthin gefahren. Das war an diesem Tag, im November vergangenen Jahres, nicht möglich gewesen. Deshalb die Fahrradtour.

Auf der Fahrt zur Wohnung, die er damals erst vor wenigen Wochen bezogen hatte, wurde er von der Eigentümerin des Rades in Neustadt zufällig gestellt. Manuel G. gab das Rad jedoch nicht heraus, weil er der jungen Frau nicht glaubte, so seine Variante. Jedoch habe er das Rad dann abends doch zurückgegeben. Zwischenzeitlich war jedoch eine Anzeige erfolgt. Als Entlastung führte der Angeklagte zudem aus, dass er ja nicht wissen konnte, dass es sich bei dem am Arbeitsort von ihm ausgewählten Rad um ein gestohlenes gehandelt hätte: Nun sieht man sich vor Gericht am 1. August wieder - diesmal mit zwei neuen Zeugen.

"Absoluter Blackout wegen Stress und Kälte"

Wegen Unfallflucht war Norbert Sch. aus Neustadt-Glewe angeklagt. Der 52-jährige Ehemann bedankte sich nach dem Urteil, 1500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung binnen drei Monaten zu überweisen, bei der Richterin. Sie führte als entlastend an, dass der im Außendienst Angestellte bislang noch nicht als Verkehrssünder aufgefallen sei. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor eine Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehaltes und ein mehrmonatiges Fahrverbot mit Entzug der Fahrerlaubnis gefordert.

Das war passiert: Der Angeklagte war mit einem Dienstwagen im Dezember 2010 in eine Einbahnstraße in Neustadt-Glewe bis zur Baustelle eingefahren. Von dort kam er dann nur noch rückwärts heraus. Dabei streifte der Angeklagte mit dem Dienstwagen ein geparktes Auto an drei Stellen. Das allerdings habe Norbert Sch. nicht bemerkt. Erst als er am Firmensitz auf den Unfall angesprochen worden sei, habe er sich mit der Polizei in Verbindung gesetzt. Er könne sich an nichts mehr erinnern, es sei schon zu viel Zeit vergangen, er hätte an diesem Tag bereits um 8 Uhr einen absoluten Blackout wegen Stress und der Kälte gehabt, so der Unfallfahrer.

Alkohol in Unmengen und jede Menge Blackouts

Die Geduld von Strafrichterin Müller wurde im Verlauf der vierten Verhandlung auf das Äußerste geprüft: Angeklagt wegen schwerer Körperverletzung war der 23-jährige Enrico L. aus Grabow. Der alleinlebende Straßenbauarbeiter soll im Februar 2010 vor einer Diskothek einen 19-jährigen Mann aus Ludwigslust einen Faustschlag versetzt haben und anschließend auf den am Boden liegenden Verletzten gegen Kopf oder Körper eingetreten haben, so die Anklageschrift.

Das alles könne ja so gewesen sein, räumte der Angeklagte ein, doch er sei zur angegebenen Tatzeit dermaßen betrunken gewesen, dass ihm jedwede Erinnerung fehle. Das widerlegte ihm jedoch der Ankläger bis zu seinem Antrag auf das Strafmaß, das er mit einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe mit zweijähriger Bewährung, die Betreuung durch einen Bewährungshelfer und einer Geldstrafe von 400 Euro einforderte.

Was sich exakt vor der Disko abgespielt hatte, das konnten oder wollten auch vier heranwachsende Zeugen der Strafrichterin Müller nicht eindeutig berichten. Zwar habe es nach einvernehmlichen Aussagen eine Prügelei in einem Menschenpulk gegeben, doch immer, wenn die Zeugen exakt benennen sollten, ob Enrico L. auf das Opfer eingetreten habe, dann folgte Schweigen: Weil auch sie alkoholisiert gewesen seien, es auch bei ihnen dadurch zu einem Blackout gekommen sei und "dann kam auch schon die Polizei". Erst ein fünfter Zeuge, der in dieser Nacht nüchtern geblieben war, sagte dann aus, dass der Angeklagte zumindest einmal zugetreten hätte, das Opfer jedoch den Streit verbal und wohl mit einem Schlag begonnen habe. Der Verteidiger von Enrico L. plädierte auf eine begangene Körperverletzung, da einige Details nicht eindeutig zu beweisen seien. Das Urteil: 400 Euro für den einschlägig Vorbestraften.

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