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Autorin schreibt über Gewalt : Jana erzählt von ihrem Missbrauch

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Im Alltag von Jana, einem jungen Mädchen, gibt es wenig Liebe, dafür mehr Prügel und Erniedrigung, bis sie nur noch funktioniert. Von der Mutter wird Jana schikaniert, dennoch ist sie Klassenbeste - und einsam.

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erstellt am 26.Nov.2013 | 12:04 Uhr

Im Alltag von Jana, einem jungen Mädchen, gibt es wenig Liebe, dafür mehr Prügel und Erniedrigung, bis sie nur noch funktioniert. Von der Mutter wird Jana schikaniert, dennoch ist sie Klassenbeste - und einsam. Jana ist die fiktive Figur, in die sich Gerda Jentsch aus Groß Trebbow flüchtet, um ihre traumatischen Kindheitserlebnisse zu verarbeiten. Einfühlsam und tief bewegend las die Autorin in der Informationsstelle Kiss während der Aktionswoche "Nein zu Gewalt gegen Frauen und Kinder" aus ihren Erzählungen. Heute ist Gerda Jentsch geschieden, hat vier erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Sie liebt Malen, Schreiben, Fotografieren und ist ehrenamtlich stark engagiert. Seit 1999 stellte die Künstlerin und Autorin regelmäßig ihre Bilder zur Schau, oft verbunden mit Lesungen aus ihren Jana-Erzählungen. In der SVZ offenbart sie ihre eigene Geschichte:

"Ich hatte eine schwierige Kindheit. Meine Mutter, damals erst 17 Jahre alt, gab mich nach der Geburt in ein Kieler Säuglingsheim. Mit etwa einem Jahr holte sie mich zu sich und zog mit mir in die DDR. Sie bekam noch eine Tochter und war mit zwei Kindern überfordert. Sie vernachlässigte uns, deshalb nahm meine Oma mich zu sich. In meinem neunten Lebensjahr holte mich meine Mutter in ihre Familie mit Ehemann und zwei Töchtern. Ich litt unter der Trennung von meiner Oma-Mutter. Zumal der Stiefvater mich ablehnte und meine Mutter sich nicht um mich kümmerte. So allein gelassen fiel es mir sehr schwer, mein neues Umfeld zu akzeptieren. Der Stiefvater war schwerer Alkoholiker. Wenn er betrunken war, wurde er aggressiv, verprügelte und erniedrigte die ganze Familie. Dazu kam der schleichende sexuelle Missbrauch. Zuerst nur mit heimlichen Blicken, dann mit Berührungen und Manipulieren seines Geschlechtsteils. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es. Er nutzte jeden Moment, in dem ich mit ihm alleine war, für seine sexuellen Handlungen. Bis hin zur versuchten Gewalt und Geschlechtsverkehr. Ich konnte nicht damit umgehen und wendete mich von den Menschen ab und sprach nicht mehr. Um das alles irgendwie überstehen zu können, lebte ich in einer Fantasiewelt.

Als Erwachsene, also rund 30 Jahre nach den sexuellen Übergriffen, holte mich die Erinnerung an meine Kindheit ein. Es begann mit starken Ängsten, Schlafstörungen, Konzentrationslosigkeit, Stimmungsschwankungen, Panikattacken und Selbstmordversuchen. Seit 1997 werde ich in stationären und ambulanten Psychotherapien behandelt. Man stellte fest, dass ich eine posttraumatische Belastungsstörung habe. 2007 wurde ich wegen voller Berufsunfähigkeit in Rente geschickt. Doch nur zu Hause sein und mich selbst bemitleiden, wollte ich nicht. Deshalb machte ich mich in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich nützlich.

Zudem bin ich seit vielen Jahren in einer Selbsthilfegruppe integriert. Wir nennen uns Licht-Blick und treffen uns einmal in der Woche. Fast alle von uns haben schwierige Zeiten hinter sich und leiden an psychosomatischen Erkrankungen, Depressionen oder haben Schwierigkeiten, mit Menschen umzugehen. Durch Gespräche, aber auch gemeinsame Unternehmungen wie Grillen, Wanderungen mit anschließender Beratung über Naturheilmittel oder die Besuche in einer Physiotherapiepraxis und vieles mehr sind wir ein tolles Team geworden, von dem jeder etwas profitieren kann.

Über meine Kindheit habe ich, nachdem die Erinnerungen hoch gekommen waren, die Jana-Geschichten geschrieben. Es half mir sehr, meine Gefühle zu ordnen und meine Seele von dem ganzen Müll zu befreien. Gesund bin ich deswegen trotzdem nicht, aber ich achte jetzt mehr auf meine Grenzen, um nicht wieder so verletzt zu werden. Es gibt viele Menschen, die mich auf dem Weg bis hierhin begleitet haben. Ihnen gilt mein besonderer Dank."

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