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Erste Ballett-Aufführung in der Festspielscheune Ulrichshusen : Intellektuelles Vergnügen

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Bereits seit den 1990er-Jahren erweiterten die Festspiele MV in dieser Spielstätte immer wieder mit szenischen Opern-Eindrücken das Hörerlebnis durch die visuelle Dimension.

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erstellt am 18.Jul.2011 | 07:33 Uhr

Ulrichshusen. | Bereits seit den 1990er-Jahren, als die Konzertscheune in Ulrichshusen noch Dauerbaustelle war, erweiterten die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in dieser Spielstätte immer mal wieder mit szenischen Opern-Eindrücken das Hörerlebnis durch die visuelle Dimension.

Am Sonntagnachmittag gab es dort in der diesjährigen Reihe "Fokus Tanz" die erste Ballett-Aufführung. Auf dem ungewöhnlichen Tanzboden gastierte die Compagnie des Theater Vorpommern unter Leitung ihres Ballettdirektors Ralf Dörnen mit einem extra für dieses Ereignis einstudierten Programm: Johann Sebastian Bachs erster Cello-Suite, Heitor Villa-Lobos "Bachiana Braziliera" und Franz Schuberts Streichquartett"Der Tod und das Mädchen". Konnten sich Tänzer und Choreograf ganz gut auf die Location einstellen, musste das Publikum im ausverkauften Haus für den vollen Sehgenuss einige Fantasie mitbringen. Spätestens ab Sitzreihe Nr. 10 erlebte man wegen der geringen Bühnenhöhe die Tänzer gewissermaßen ohne Unterleib.

Yoko Osaki und Armen Khachatryan im silbergrauen Dress folgten mit subtiler Einfühlung einer Choreografie der Annäherung an die Komposition. Bach, dessen Musik so leicht wirkt, dass man meinen könnte, sie tanze sich fast von allein, verwendet Dörnen nicht als Bewegungsmatritze, nicht als einfallslosen Schematismus, mit dem er dem Genie seine Aufwartung macht.

Das verzückt versunkene Cello-Spiel von Gabriel Schwabe wirkte eher wie eine göttliche, himmlische Vorgabe, denen die Motorik des unvollkommenen Menschen durch den Weg von Versuch und Irrtum zu entsprechen bemüht ist.

Um einiges anders erscheint die tänzerische Herausforderung zu der mit Emotionen aufgeladenen Musik der Aria (Cantilena) für Gitarre und Sopran von Villa-Lobos.

Der Solist Seth Josel und die Sopranistin Alba Vilar boten die Verführung des Klangs und unwiderstehlicher Worte ("Über der traumverlorenen, schönen Weite!"), dem die in Scharlachrot gekleideten Tänzer Ayako Nomura und Simon Kranz mit Bewegungsleidenschaft folgten. Diese reduzierten Choreografien mit neoklassischen Grundmustern und modernen Bewegungsfiguren sind solide gebaut.

Als Dörnens Stärken gelten jedoch die großen erzählenden Tanzbilder mit höchsten künstlerischen Ansprüchen. In diese Abteilung gehört Bühnen-Inszenierung "Der Tod uns das Mädchen", für die das "Doric String Quartet" (Alex Redington, Jonathan Stone, Simon Tandree, John Myerscough) die Musik voller innerer Dramatik lieferte.

Als zwei Gestalten (Barbara Buck, Leander Veizi) in schwarzer Netzhaut (Kostüme Ralf Christmann) taucht der Tod auf der Bühne auf, die das kraftvolle Leben als die Abstraktion aus acht blutgeäderten Tänzern bereithält (Alma Bellaagh Johansson, Simon Kranz, Paloma Figueroa, Nathan Cornwell, Yoko Osaki, André Luiz Costa, Ayako Nomura, Alexander Simkins).

Der höchst interessanten Choreografie liegt die Idee des Schicksals als Zufallsspiel zugrunde, abgeleitet von der beliebten Partyunterhaltung der "Reise nach Jerusalem", bei der immer eine Person mehr als verfügbare Stühle im Umlauf sind. Der Stuhl ist hier eine Metapher für das vom Glück begünstigte Leben. Das Mädchen entrinnt nicht dem Tod im Sinne einer aufgeschobenen Frist, sondern wird von ihm wegen des verpassten Platzes im Leben getröstet. Damit bekommt dieser kulturgeschichtliche Stoff, der nach einem Gedicht von Matthias Claudius immer wieder bearbeitet wurde, einen neuen philosophischen Sinn, der den Tod gesellschaftlich mehrfach konnotiert.

Margaret Howard als Idealbesetzung des Mädchens gestaltete dieses Verlorensein im Spiel des Lebens mit berührender Eindringlichkeit, naiv und mit Hingabe an die Verführungskraft des Todes. Zum Schluss liegt das Mädchen konsequenterweise nicht in den Armen des Todes, sondern sitzt in einem Gefängnis aus Stühlen.

Die vitale Ausstrahlung dieser Inszenierung erwächst nicht nur aus der bestechenden tänzerischen und choreografischen Qualität, sondern auch aus dem intellektuellen Vergnügen, dank der Umdeutung einer festgeschriebenen Interpretation.

So feierte das Publikum einen wunderbar geschlossenen, stimmigen Ballettnachmittag mit stürmischem Beifall. Das Theater Vorpommern wiederholt das Programm in den eigenen Spielstätten.

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