Insekt des Jahres zu Gast in Klueß

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In solchen Trichtern lauert der Ameisenlöwe auf seine Beute.Michael Köster

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29. Juli 2010, 06:12 Uhr

Kluess | Mit Ameisen muss sich Norbert Reincke aus Klueß nicht herumärgern. Und das, obwohl er weder Köder ausgelegt, noch andere chemische Mittelchen zur Abwehr der beißenden Insekten einsetzt. Der 53-Jährige hat eine natürliche "Waffe", die sich unerwartet bei ihm eingenistet hat und seitdem Spinnen, Milben, aber vor allem Ameisen den Garaus macht. Es handelt sich bei dem willkommenen Zeitgenossen nicht um irgendein Krabbeltier, sondern um das Insekt des Jahres 2010 - den Ameisenlöwen (lateinisch: Myrmeleon formicarius).

Lediglich drei Arten der Ameisenlöwen existieren in Mecklenburg-Vorpommern, ist aus dem Landesamt für Umwelt, Natur und Geologie (Lung) zu erfahren. Und eine davon fühlt sich augenscheinlich im sandigen Erdbereich auf der Sonnenseite des Hauses von Norbert Reincke pudelwohl.

Mit dem Hintern voran auf Beutefang

Das Besondere an den Insekten aus der Ordnung der Netzflügler: ihre Beutefangmethode. Dabei graben sich die bräunlich gefärbten Larven mit ihrem Hinterleib voran etwa drei Zentimeter tief in lockeren Untergrund ein. Es entsteht ein Trichter mit bis zu acht Zentimetern Durchmesser. Unter der Sandschicht am Grund des Trichters versteckt sich der Ameisenlöwe, der bis zu 1,7 Zentimeter groß wird, und lauert auf seine Mahlzeit. Norbert Reincke demonstriert die Fangtaktik der Larve live, indem er nachhilft und eine Ameise in den Trichter setzt. Nach etwa 20 Sekunden schleudert der Jäger aus seinem Versteck Sand auf sein Opfer, sodass es bis zum Grund purzelt. "Dort schnappt der Ameisenlöwe mit seinen kräftigen Kieferzangen zu und injiziert ein hochtoxisches Gift, das seine Beute lähmt", hat sich der Klueßer informiert.

Diese weit entwickelte Form des Beutefangs beobachtete Reincke erstmals vor etwa drei Jahren. "Ich habe mich gewundert, wo die ganzen Löcher im Sand herkamen und habe irgendwann einen Ameisenlöwen darin entdeckt und gefangen", berichtet Reincke über die erste Begegnung mit dem Insekt. Unter der Lupe schaute sich der Klueßer seine neuen "Nachbarn" etwas genauer an und war wenig angetan: "Sie sehen mit ihren Haaren und Kieferzangen aus wie Urzeitmonster. Im Dunkeln möchte ich denen nicht begegnen."

Vom "Urzeitmonster" zur prachtvollen Ameisenjungfer

Dabei sind die Ameisenlöwen nach ihrer Verpuppung alles andere als unheimlich. "Die Larven häuten sich zweimal, bis sie sich im Sand in einen Kokon einspinnen und verpuppen. Die gesamte Entwicklung dauert etwa zwei Jahre", informiert der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Die so genannte Ameisenjungfer schlüpft im Sommer und ähnelt mit ihren vier Flügeln eher einer prächtigen Libelle als einem "Urzeitmonster".

Menschen gegenüber sind die Ameisenlöwen völlig friedlich. Norbert Reincke kann ein Exemplar auf seiner Hand platzieren, ohne Angst haben zu müssen. Umgekehrt sind auch Menschen angehalten, die Lebensräume und das Leben dieser Insekten zu schützen. Denn: "Nach der Bundesartenschutzverordnung gilt der Ameisenlöwe als ,besonders geschützt. Auf der Roten Liste für gefährdete Tier- und Pflanzenarten des Bundesamtes für Naturschutz steht er dagegen nicht", sagt Ina Sakowski, Zuständige für den Artenschutz von Insekten beim Lung. Sie ergänzt: "Ameisenlöwen sind eher unscheinbar, sind weder selten noch besonders häufig zu finden. Sie sind an extrem trockene Standorte gebunden, an sandige und kiesige Untergründe. In Mecklenburg-Vorpommern kommen sie verbreitet vor." So wie auf dem Grundstück von Norbert Reincke. "Ich hoffe nur, dass mein Hund nicht eines Tages verschwunden ist, weil er gerne auf dem Sand samt Trichtern liegt", scherzt der 53-Jährige.

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