zur Navigation springen
Lokales

18. November 2017 | 05:48 Uhr

Ins Exil nach Mecklenburg

vom

svz.de von
erstellt am 02.Jun.2010 | 07:24 Uhr

Nordwestmecklenburg | "Wir alle wissen was das Herz macht. Es sorgt im Körper für Wärme und versorgt ihn mit der nötigen Energie und Sauerstoff", eröffnete der Lübecker Professor Cor de Wit seine Vorlesung der Physiologie an einem ganz besonderen Ort - der Waldbühne in Schönberg, 32 Kilometer von der Uni Lübeck entfernt. "All das weiß Peter Harry Carstensen offenbar nicht über das Herz", wetterte der Mediziner vor rund 150 Studenten im vierten Semester.

Dr. Rolf Hilgenfeld, Professor für Biochemie, hatte zuvor die medizinische Fakultät als das Herz der Lübecker Uni bezeichnet. Ohne das bekäme auch der restliche Körper, also die übrigen Institute, keine Luft mehr und würde eingehen. Etwa 1000 Studierende würden der Uni in der Hansestadt noch bleiben, wenn die Medizin geschlossen würde, so Hilgenfeld. "Warum müssen die Einsparungen in Lübeck gemacht werden, wenn Kiel doch auch ohne die Medizin existieren könnte", fragte er. Aber es sei nur eine kleine aber mächtige Clique in der Landeshauptstadt, der die Uni Lübeck ein Dorn im Auge sei. Darum wollen die Professoren und Studierenden mit ihrem Auszug ins mecklenburgische Exil auch den letzten Landtagsabgeordneten über die Einsparpläne bezüglich der Uni Lübeck informieren.

Denn an den Leistungen an beiden schleswig-holsteinischen Medizinstandorten könne es nicht liegen. "Im Physikum fallen in Lübeck etwa 13 Prozent durch, in Kiel sind es 33 Prozent", so Hilgenfeld. "Es kann nicht sein, dass die Studierenden in Kiel dümmer sind. Es muss also an der Lehre liegen", sagte er. Hinzu komme, dass die medizinische Fakultät in Lübeck bundesweit einen sehr guten Ruf genieße, immer wieder durch Forschungsergebnisse auf sich aufmerksam mache und nicht zuletzt gerade erst im CHE-Ranking für Hochschulen auf den zweiten Rang gewählt wurde.

Doch Hilgenfeld warnte zugleich: "Es werden in Kiel klammheimlich Vorbereitungen zur Eingliederung der Restuni Lübeck in die Kieler Universität getroffen." Sollte das geschehen, würde der Standort Lübeck für Studenten so unattraktiv, dass sie gleich nach Kiel ziehen.

"Wenn es uns jetzt gelingen sollte, die wahnwitzigen Pläne von Peter Harry Carstensen und Jost de Jager zu stoppen, ist der Schaden trotzdem kaum abzuwenden", sagte Hilgenfeld. Nur noch wenige Studenten "und nicht die besten" würden sich noch für diese Uni entscheiden.

Das ist einer der Punkte, die auch Schönbergs amtierenden Bürgermeister Lutz Götze davon überzeugten, die Lübecker Medizinstudenten und ihre Professoren im Kampf um die Uni zu unterstützen. Die Frage nach dem Exil in Schönberg hatte er am Wochenanfang sofort mit Ja beantwortet.

"Schönberg ist eine 4500-Einwohner-Stadt und wir haben hier alle Schulformen, auch wenn nicht immer viel Geld vorhanden ist", sagte er vor den Studenten auf der Waldbühne. "Wer aber an der Bildung spart, beraubt die Jugend ihrer Perspektiven", so Götze. Im Exil genießen die Studierenden und Lehrenden seine volle Solidarität. "Schließlich arbeiten, lehren und studieren auch viele Schönberger an der Uni Lübeck. Außerdem braucht eine funktionierende Universität eine funktionierende Infrastruktur, die dem Umfeld wie Schönberg auch Arbeit bietet", so Lutz Götze. Er forderte im Gegensatz zur Einsparung des Uni-Standortes Lübeck sogar, mehr Studiengänge anzubieten.

Die Entscheidung der Lübecker Medizinstudenten, der Hansestadt den Rücken zu kehren und ins Exil nach Schönberg zu gehen, war spontan am Montag auf Initiative von Professor Rolf Hilgenfeld entstanden, nachdem in der vergangenen Woche Wolfgang Kubicki von Studierenden in der Hansestadt abgefangen worden war. Daran hatte sich auch Studentin Maria Wramp aus Schlagbrügge beteiligt. Für sie waren die Nähe der Lübecker Uni zu ihrer mecklenburgischen Heimat, die Qualität der Lehre und die übersichtliche Uni Gründe, sich für ein Studium in der Hansestadt zu entscheiden. "Für mich wäre es eine Katastrophe woanders studieren zu müssen", sagt sie. Ähnlich sieht es auch Saruhi Surnaschjan aus Wismar: "Ich habe mich statt Rostock oder Greifswald für Lübeck entschieden, weil die Uni einen sehr guten Ruf genießt und für mich besser erreichbar ist."

Außerdem haben die Studentinnen erfahren, dass sich auch Konzerne wie Dräger oder Euroimmun aus Lübeck zurückziehen würde, sollten medizinische Fakultät und Uniklinikum nicht erhalten bleiben. Daher wollen beide, wie fast alle Medizinstudenten in Lübeck weiter für den Erhalt ihrer Uni kämpfen. Als nächstes bei einer Demonstration in Kiel und weiter bei den Vorlesungen im mecklenburgischen Exil.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen