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Lokales

23. September 2017 | 21:59 Uhr

In der DDR mit Millionen jongliert

vom

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erstellt am 06.Okt.2010 | 06:32 Uhr

Wittenberge | Bis auf den letzten Platz gefüllt war am Dienstagabend das Foyer des Wittenberger Kultur- und Festspielhauses. Kein Wunder, denn der Kulturbund hatte Dr. Edgar Most zu Gast. Ein Mann, der, wie er selbst in seiner Autobiografie titelt, 50 Jahre im Dienste des Kapitals tätig war.

Geboren 1940 in Tiefenort als Sohn einer thüringischen Bergarbeiterfamilie, sollte er eigentlich ein Handwerk erlernen, doch daraus wird nichts, denn der Meister muss seinen alten Lehrling ein Jahr länger behalten, weil der die Gesellenprüfung nicht bestand. Most erfährt, dass die Deutsche Notenbank in Bad Salzungen zwei Lehrlinge einstellt. Er bekommt eine der Stellen. Den Ausschlag gibt, dass er gut Schach spielen kann und dieser Sport bei den Bankmitarbeitern hoch im Kurs steht. Vom Bankwesen kennt Most bis dahin nur die drei Tassentöpfe der Mutter: Geld für Grundversorgung, für Kleidung, für die eiserne Reserve.

Most wird Banker, ist mit 26 Jahren der jüngste Bankdirektor der DDR, und zwar in Schwedt, der damals größten Industriebaustelle der DDR, hier entstand das Petrochemische Kombinat, hier trug Most die Verantwortung für riesige Investitionen. 1974 wird er nach Berlin in die Zentrale der Staatsbank berufen, wird 1976 Mitglied des Kollegiums, mit 36 Jahren das jüngste, und lernt: Die Partei hat immer Recht. Selbst ist er, das frühere Mitglied der jungen Gemeinde, seit dem 21. Lebensjahr Mitglied der SED.

Der Stasi ein Schnippchen geschlagen

Most meistert den schmalen Grat zwischen ehrlicher Meinungsäußerung und Angepasstheit, auch wenn er sich wie an der Parteihochschule schon mal in Teufels Küche bringt, wie er selbst sagt. Vielleicht auch gerade deshalb wird die Staatssicherheit auf ihn aufmerksam, will ihn 1982 als inoffiziellen Mitarbeiter werben, droht unterschwellig mit Sanktionen gegen die Familie - die Tochter will Molekularbiologie studieren. Er unterschreibt in seinem Büro und teilt das danach lauthals im Kollegenkreis mit, ist so schon bald als Quelle für das MfS nicht mehr interessant.

Ende 1989 wird Most letzter Vizepräsident der Staatsbank der DDR, gründet am 19. März 1990 die Deutsche Kreditbank AG, die erste Privatbank der DDR und schafft es als bislang einziger Ostdeutscher bis in die Chefetagen der Deutschen Bank. Wie er das schafft?

"Erstens weil ich aus dem Osten stamme und zweitens weil mir mein Vater und mein Großvater mit auf den Weg gegeben haben, Junge, egal was geschieht im Leben, vergiss nie, wo deine Wurzeln sind und wo du herkommst. Ob du an die Kirche gebunden bist, an die Partei oder woran auch immer, ist nebensächlich. Hauptsache, du stehst zu dir und deinen Entscheidungen." Manchmal allerdings, das räumt Most ein, müsse man für seine gute Sache auch mit dem Teufel tanzen.

Most hält die deutsche Einheit politisch für gelungen, wirtschaftlich für eine Katastrophe. Verantwortlich dafür macht er die Währungsunion 1990, der Umtauschkurs eins zu zwei habe nicht der Realität der Wirtschaft entsprochen. Die Unternehmen seien dadurch viel zu hoch bewertet worden, ihre Produkte und der Kapitalstock seien nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen, vor allem die Schulden seien stärker ins Gewicht gefallen. Das dadurch entstandene Ungleichverhältnis zwischen West und Ost werde sich auch in den nächsten 20 Jahren nicht ändern, wenn die Politik nicht eingreife.


Plädoyer für einen Masterplan Ost

Im Gegenteil, die Situation vor allem auch der kommunalen Finanzen werde sich drastisch zuspitzen, wenn der West-Ost-Transfer wegfällt, warnte Most. 20 Jahre nach dem Mauerfall ist für ihn die Zeit reif für einen Neubeginn in der deutschen Einheit. Der Banker im Ruhestand plädiert für einen Masterplan Ost, für einen dritten Weg, fordert auch seine Wittenberger Zuhörer auf, nicht alles hinzunehmen, sondern die Politik zu fordern, auf Änderungen zu drängen.

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