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Lokales

19. September 2017 | 13:37 Uhr

Im langen Schatten des Kraftwerks

vom

svz.de von
erstellt am 30.Mär.2011 | 07:20 Uhr

Rheinsberg | Auf dem Schild steht noch "Energiewerke Nord - Kernkraftwerk Rheinsberg". Seit 21 Jahren wird hier im Norden Brandenburgs zwar kein Strom mehr aus Kernenergie gewonnen. Aber angesichts der Atomkatastrophe in Japan denken wieder mehr Menschen in der idyllischen Menzer Heide, östlich von Rheinsberg, über das stillgelegte Atomkraftwerk in ihrer unmittelbaren Nähe nach. Wer dem Wegweiser folgt, findet nach knapp fünf Kilometern Fahrt auf einer Betonpiste mitten durch dichten Wald ein offen stehendes Tor. Das schwarz-gelbe Zeichen für Kernkraft ist zur Hälfte mit einem Friedenstauben-Sticker überklebt. Hier beginnt das Gelände des Kernkraftwerkes (KKW). Kurz nach der Wende stillgelegt, erzählt es vor allem DDR-Geschichte. Seit 1966 in Betrieb war es das erste wirtschaftlich genutzte Atomkraftwerk der Deutschen Demokratischen Republik. Seit 1990 wird es demontiert. Die Reaktoren sind längst weggebracht worden, lediglich das alte Gebäude ist noch da. Der Abtransport radioaktiver Stoffe und anderer Teile wird noch andauern. Nach Angaben von Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke) soll das Projekt voraussichtlich 2014 abgeschlossen sein.

"Es waren auch schöne Zeiten", sinniert Helmut Matschinsky. Er hat im KKW Rheinsberg einige Jahre gearbeitet. "Das mit den Strahlen war mir dann aber doch nicht geheuer, jeder der gesund war, musste früher oder später mal in die aktive Zone, da habe ich mir etwas anderes gesucht", erzählt er. Die Bilder, die derzeit aus Japan gezeigt werden, stimmen ihn traurig. Gleichzeitig ist Matschinsky froh, dass das Kapitel Atomenergie in Brandenburg vorbei ist. Einen etwas träumerischen Blick bekommt er, als er davon erzählt, wie man in Menz an einigen Stellen auch im Winter baden konnte. Das aufgeheizte Kühlwasser aus dem KKW wurde in den Niemitzsee geleitet - "natürlich ohne schadhafte Stoffe", meint der frühere Kraftwerksmitarbeiter Matschinsky.

Die Atomkatastrophe von Fukushima waren jüngst auch Thema in der Menzer Kirche. Es gab eine Andacht für die Menschen in Japan, für die Opfer von Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfällen. Pfarrer Mathias Wolf ist seit 16 Jahren in der Kirchgemeinde Menz. "Wir haben ja schon viel Leid gesehen, ich erinnere nur an den 11. September oder an den Tsunami in Südasien. Es macht Angst. Man sieht eine Katastrophe kommen, aber weiß nicht genau, was passiert, wie sie aussieht", sagt Wolf. Sprachlosigkeit, Ohnmacht und das ständige Gefühl belogen zu werden, das seien die Gefühle, die ihn derzeit bewegen.

"Es ist ein Segen, dass das Kernkraftwerk vor 21 Jahren abgeschaltet wurde", sagt auch Herbert Brauer. Er sei zwar erst später nach Menz gezogen. "Und auch heute noch beschleicht einen hin und wieder ein komisches Gefühl. Es rumpelt dort immer noch." Mit einem Kopfnicken zeigt er in Richtung KKW. Er und seine Familie seien tief betroffen von den Ereignissen in Japan. "Ich habe noch nicht herausgefunden, warum mich die Situation in Japan so sehr erschüttert, dass ich mich ständig informiere, immerhin sind wir ja weit weg. Diese Kette von Katastrophen ist für mich der Beweis, dass der Mensch die Gewalten der Natur nicht beherrschen kann", sagt Brauer.

Auch einer der ältesten Kämpfer gegen das Rheinsberger Kernkraftwerk war bei der Andacht, Rainhard Dalchow - jahrzehntelang selbst Pfarrer in Menz, jetzt Umweltpfarrer der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Er begann bereits 1977 den Kampf gegen die Atomenergie. "Über 400 Arbeiter waren seinerzeit im KKW beschäftigt, allesamt außerordentlich gut bezahlt. Da waren nicht viele, die man für eine Schließung gewinnen konnte. Alles sei sicher, hieß es damals. Na, ja hätte man es gewusst, dass es nicht sicher ist, wäre ja auch kaum jemand am nächsten Tag wieder hin gegangen", erinnert sich Dalchow.

Die Welt steht nach Einschätzung des Pfarrers jetzt hilflos vor den Geschehnissen in Japan, die Politik versuche einige Flügelschläge. "Vor einem Jahr hieß es noch, diejenigen, die gegen Kernenergie sind, seien nicht auf der Höhe der Zeit. Ich hoffe, das jetzt weltweit ein Umdenken erfolgt", sagt Dalchow.

Hannelore Müller (Name geändert) aus Rheinsberg hat ihre eigene Geschichte zum KKW. Jetzt, im Rentenalter, ist sie allein. Vor fünf Jahren starb ihr Ehemann. "Er hat 35 Jahre in der aktiven Zone im KKW gearbeitet. Alle sagen zwar, seine Gehirntumore seien nicht durch seine Arbeit bedingt gewesen, doch daran glaube ich nicht", sagt sie. Und fügt mit Blick auf Japan traurig hinzu: "Es ist unglaublich, was wir Menschen uns antun."

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