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Lokales

23. November 2017 | 08:44 Uhr

Im Dunkeln Geheimnisse verraten

vom

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2010 | 07:09 Uhr

Güstrow | Der Nachtwächter ist eine Nachtwächterin. Und auch sonst, so Ute Böckmann gleich zu Beginn, sei an ihrem Kostüm nicht alles echt. Zwar halte sie die Hellebarde in ihren Händen, aber diese sei ein Theater-Requisit. Es ist 19 Uhr am Freitag, 30 Personen haben sich zur Nachtwächter-Führung durch das abendliche Güstrow eingefunden. Die Laternen in den Händen leuchten. Kalt ist es und dunkel, die Geschäftigkeit des sonnigen Tages vergessen. Willkommen im Mittelalter! Damals haben die Nachtwächter keine Touristen durch die Gassen geführt, "damals haben sie Diebe fern gehalten, aufgepasst, dass es nirgendwo brennt und die Männer in den Kneipen ermahnt, zu ihrer Frau nach Hause zu gehen", so Ute Böckmann.

Heute wollen Touristen genau dies hören. Im Barlachtheater, vor dem die Gruppe steht, hat einst der junge Hans Albers ein Engagement gehabt, aber Freundinnen und der viele Eierlikör hätten dem späteren Weltstar so zugesetzt, "dass ein großer Baum, den er auf der Bühne festzurren sollte, schlicht umfiel". Und das wars dann mit Albers und Güstrow. Derlei Geschichten, wahrlich Passiertes, wolle Ute Böckmann den Touristen erzählen, sie nicht mit Zahlen zuschütten.

Auf zum Schloss! Die nächste Offenbarung: In den vielen Schornsteinen an der Westseite des Gebäudes hat es nie geraucht, sie dienen nur der Zierde. Und die großen Steine an dieser Seite sind Putzquader, mit denen schlichte Backsteine verblendet wurden. Franz Paar, der erste Baumeister des Schlosses, war ein findiger Mann und die Gruppe muss schmunzeln. Herzog Ulrich hatte ihn damit beauftragt, für sich und seine Elisabeth, Tochter des dänischen Königs, an Stelle der abgebrannten Burg ein stattliches Schloss zu bauen. Doch nach zwölf Jahren ging er. In Güstrow blieb ein halb fertiges Schloss und ob dieser Primitivität "eine traurige Elisabeth". Zum Glück aber war noch Geld in ihrer Schatztruhe, Herzog Ulrich konnte Philipp Brandin anheuern - der baute das Schloss weiter, "in einem sparsamen, niederländischen Renaissancestil", erklärt Ute Böckmann.

Der Domplatz ruft. Es geht vorbei an der Domschule, in der es, als das Lateinische noch die Oberhand hatte, "sehr züchtig zuging". Im Grünen Winkel ist die Rede von Seuchen in der Stadt, vorm Rathaus wiederum von einer pfiffigen Verblendung. Aus mehreren kleineren Häusern entstand ein repräsentatives: "Hier hatten die Güstrower wieder eine clevere Idee."

Raimund und Jutta Heimann aus Gifhorn sind beeindruckt. Die Stadt sei so abwechslungsreich, Ruinen stehen neben den tollsten Bauten. Nicht schlimm sei das, sondern vielmehr interessant. Auch vom Natur- und Umweltpark seien die drei - mit dabei ist Hund "Paulchen" - schon so beeindruckt gewesen.

Ähnlich geht es an diesem Abend Familie Arends aus Dülmen, der Stadt der Wildpferde bei Münster. Schon vor der Wende hätten die beiden hier ihre Verwandten besucht, "es ist so erstaunlich, was seither alles passiert ist", so Heidelies Arends. Die Nachtwächter-Führung sei nach ihrem Geschmack, auch wenn die Gruppe etwas kleiner hätte sein können.

Wallenstein, Armesünderturm, Archimedes, Hexenverbrennung, Türmer und Nordischer Krieg: Nach anderthalb Stunden gespickt mit Güstrower Geschichte und Geschichten ist der Rundgang vorbei. Zwischen Rathaus und Kirche bekommen die Teilnehmer zum Abschluss eine Urkunde - und einen Güstrower Zimtlikör.

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