Lalendorf: Bürgermeister verweigert Bundespräsidenten-Ehrung : "Ich will diese Leute nicht hofieren"

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Bürgermeister Reinhard Knaack bringt den Bundespräsidenten in die Bredouille. In seiner Gemeinde Lalendorf lebt eine Familie, die gerade ihr siebentes Kind begrüßen konnte. Doch die Eltern gelten als Rechtsextreme.

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26. November 2010, 08:35 Uhr

lalendorf/berlin | Bürgermeister Reinhard Knaack (Die Linke) bringt Bundespräsident Christian Wulff (CDU) in die Bredouille. In seiner Gemeinde Lalendorf lebt eine Familie, die gerade ihr siebentes Kind begrüßen konnte, was gewöhnlich als freudiges Ereignis gefeiert wird. Zu solchem Anlass schickt der Bundespräsident regelmäßig eine Ehrenurkunde, verbunden mit einer Geldzuweisung (derzeit 500 Euro). Und symbolisch übernimmt das Staatsoberhaupt die Patenschaft über das Kind. Doch Bürgermeister Knaack weigert sich, das Präsidenten-Präsent weiterzureichen. Den Grund nennt er auf einer Gemeindevertretersitzung, auf der ihn die Eltern zur Rede stellen: Diese hätten eine rechtsextreme Einstellung, und das wolle er nicht hofieren.

Petra Müller, die Mutter, ist empört. "Bloß weil wir die falschen Leute kennen", sagt sie. Die "falschen Leute", damit könnte sie möglicherweise den vor einem Jahr gestorbenen Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger meinen, als dessen enge Weggefährten die Journalistin Andrea Röpke die Müllers ausgemacht hat. Röpke, die für ihre Publikationen vielfach Preise erhielt und von der Bundeszentrale für politische Bildung als Spezialistin auf dem Gebiet Nationalsozialismus und Rechtsextremismus ausgewiesen wird, zählt in verschiedenen Veröffentlichungen ein ganzes Register über die Müllers auf, die vor einem Jahr aus Baden-Württemberg in einen Lalendorfer Ortsteil zogen. So bezeichnet sie Petra Müller als Vorstandsaktivistin und Mitbegründerin des "Rings nationaler Frauen", einer NPD-Unterorganisation. Und die siebenfache Mutter gehörte zum Umfeld der inzwischen verbotenen "Heimattreuen deutschen Jugend", einer Art Kindererziehungsverein nach dem Vorbild der Hitlerjugend, wie schon vorher zur "Wikingjugend".

Ehemann Marc Müller glaubt Röpke als Vorstandsmitglied einer "Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung" ausgemacht zu haben, die sich der Förderung "erbgesundheitlicher Bildungsarbeit" und "Sozialhygiene" verschreibt und die als Nachlassverwalterin der Rieger-Immobilien gilt. Die Eheleute sollen auch in einer "Artgemeinschaft - germanische Glaubensgemeinschaft" aktiv sein, die sich völkischem Ideengut und Lebensweisen hingibt.

Durch die Weigerung des Bürgermeisters, ihnen Wulffs Patenschaftsurkunde auszuhändigen, sehen die Müllers die Reputation der Familie beschädigt. Marc Müller spricht von "Rufmord" - so, wie die Familie in Deutschland "durch die Medien gezogen" werde, und die Kinder würden deshalb in der Schule ausgegrenzt. Zur SVZ sagt er nur: "Ich bin nicht in der NPD." Zu den anderen Feststellungen will er sich nicht äußern.

Bürgermeister Knaack bleibt bei seiner "persönlichen Entscheidung", wie er sagt. Er betrachte sich nicht als "verlängerter Arm" des Bundespräsidenten, auch wenn dieser die Aushändigung seines Geschenks grundsätzlich durch einen Repräsentanten der Stadt oder Gemeinde vorsieht. "Ich habe meine konsequente Haltung gegen rechts", sträubt sich Knaack gegen eine außenwirksame Aufwertung von vermeintlichen Trägern rechtsextremen Gedankenguts.

Die sieben Kinder der Familie Müller will Knaack ausdrücklich aus seiner Ablehnung heraushalten. Ihm gehe es dabei nur um die Eltern. "Die Kinder werden nicht benachteiligt, sie sind uns willkommen", sagt Knaack mit Betonung. Zumindest zu diesem Teil würde der Bürgermeister als Vertreter der Kommunalbehörde also der mit der Patenschaft allgemein verbundenen Bitte des Bundespräsidenten nachkommen, "sich ihrerseits der Familie anzunehmen".

Formal jedenfalls erfüllt die Familie Müller die wenigen Voraussetzungen, die der Bundespräsident an die Verleihung seiner Patenschaft stellt: Mindestens sieben Kinder müssen in der Familie leben, und das Patenkind muss deutsch sein. Den Antrag müssen die Eltern selbst stellen. Eine Gesinnungsüberprüfung ist nicht vorgesehen.

In Wulffs Büro ist man vier Wochen nach der Antragstellung offenbar immer noch unschlüssig, wie nun zu verfahren sei, ohne das Amt zu beschädigen. Bis gestern war kein Entschluss des Bundespräsidenten zu erfahren.

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