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Lokales

17. Dezember 2017 | 01:34 Uhr

"Ich hasse niemanden - nur Krieg"

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2010 | 07:02 Uhr

lübz | Heute vor 65 Jahren, am 8. Mai 1945, ist der zweite Weltkrieg für die Deutschen zuende. Für Fritz Hoffmann, 1921 im schlesischen Oels geboren, beginnt er als 18-Jähriger mit der Verpflichtung zur Arbeit in den "Bremer Flugzeugwerken Focke-Wulf", wo er Tragflächen für Jäger montiert. 1942 schließlich der Einberufungsbefehl zur Luftwaffe nach Österreich: Feindliche Flugzeuge anpeilen und die Daten per Funk an die Geschütze durchgeben, die zum Abschuss bereitstehen. "Schon in Bremen gab es schwere Bombenangriffe auf die Fabrik, die sich an unserer Stellung kurz vor Wien steigerten", erzählt Hoffmann. "Die Einschläge höre ich noch heute. Wir hatten ständig Angst und keiner wusste, ob er den nächsten Tag erleben wird."

Bei Kriegsende flüchten viele Arbeiter, der damals 24-Jährige nicht: "Wohin sollte ich denn? Wir wussten, dass Russen und Amerikaner vor der Stadt stehen. Wäre ich auch stiften gegangen, hätte man mich an die Wand gestellt und abgeknallt." Hoffmann kommt in russische Gefangenschaft, wird mit hunderten Menschen in Güterwaggons zusammengepfercht, deren Tore mit Stacheldraht gesichert sind. Wie lange die Fahrt mit dem Zug dauert, weiß der heute 89-Jährige nicht mehr. "Wir haben bloß das Rattern der Räder gehört. Manchmal wurde eines der mitgeführten Pferde geschlachtet, aber oft gab es tagelang nichts zu essen und zu trinken. Aus dem Heu für die Tiere haben wir uns Zigaretten gedreht."

Nach dem Ausladen werden die Männer auf einen erneut mehrere Tage langen Marsch geschickt: "Wer nicht mehr konnte, blieb einfach liegen. Als wir in einem Lager ankamen - ich habe nie gewusst, wo es sich befand - waren zig Leute tot. Wir hatten keine Chance, irgendjemandem zu helfen, brauchten alle Kraft, um selbst zu überleben."

In dem Lager erwartet die rund 150 Gefangenen eine Scheune mit nackten Holzpritschen. Ihrer eigenen Kleidung längst beraubt, tragen sie jetzt lediglich eine halb zerrissene Wattejacke, die nachts den einzigen Schutz vor der Kälte zwischen 30 und 40 Grad unter Null bildet. Nach dem frühen Wecken müssen die ehemaligen Soldaten unter anderem Straßen säubern und in Wäldern Holz sägen. Für die harte Arbeit gibt es abends eine Scheibe Brot und einen Schluck Wasser, wer seine Norm nicht erfüllt, bekommt für unbestimmte Zeit gar nichts mehr. Dies führt dazu, dass es jeden Tag neue Tote gibt, immer wieder ersetzt durch neue Gefangene. Alle sind völlig entkräftet und haben zusätzlich Flöhe. Hoffmann: "Ich hatte im Grunde mit allem abgeschlossen, dachte nie, dass ich das überlebe."

Der heute 89-Jährige wird mehrfach verlegt. Seine letzte Station liegt im Kaukasus. Mittlerweile von hohem Fieber geplagt, hört er eines Tages, wie ein Arzt von Malaria spricht, was die Entscheidung nach sich zieht, den Gefangenen 1947 nach Hause zu schicken: "Ich hatte den Tod vor Augen, so dass ich fast dankbar sein muss, schwer krank geworden zu sein. Sonst hätte ich nicht überlebt."

Wieder in einen Waggon verladen, kommt der gebürtige Schlesier in Berlin an, wo die Männer nach ihren ehemaligen Wohngebieten aufgeteilt werden. Vor seiner Einlieferung ins Güstrower Krankenhaus erfährt Hoffmann, dass seine mittlerweile in Hägerfelde wohnende Mutter ihre Heimat Hals über Kopf verlassen musste und der gesamte übrig gebliebene Besitz der Familie aus einem Rucksack besteht. "Als wir uns wiedersahen, haben wir uns lange in den Armen gelegen, aber die Freude wurde auch dadurch getrübt, dass zusätzlich mein Vater gefallen war", berichtet Hoffmann, der damals noch gut 40 Kilogramm wiegt - die Hälfte seines eigentlichen Gewichtes. "Der Krieg war damals schon seit zwei Jahren vorbei, aber ich wusste bis zu meiner Rückkehr nicht, wie verheerend es in Deutschland aussah. Ich hatte keinen Überblick, war gedemütigt, eingeschüchtert und traute mich nicht, auf die Straße zu gehen." Empfindet der Veteran Hass gegen seine Peiniger? "Nein. Alles, was ich hasse, ist Krieg. Er ist immer eine Schweinerei! Man darf nie vergessen, dass das Gemetzel von deutschem Boden ausging, aber zumindest die älteren Russen wussten, dass wir in der Regel nicht freiwillig Soldat waren. Sie haben uns - wo immer möglich - sogar noch ein Stück Brot zugeschoben."

Hoffmann hat lange in Güstrow gewohnt und war dort in den letzten Jahren seines Berufslebens Hausmeister im Rathaus. Seine Frau hatte er während des Krankenhausaufenthaltes wegen der Malaria kennen gelernt: "Sie besuchte mich immer, brachte mir selbst gebackene Kekse. Bald sind wir 60 Jahre lang miteinander verheiratet."

Das Paar ist zur Ruhe gekommen, wohnt nach einer Zeit in Goldberg jetzt im "Haus am Freistrom" in Lübz. Die alten Erlebnisse sind im Alltag überwunden, jedoch weiter tief verwurzelt. "Wenn ich im Fernsehen Kriegsberichte sehe und die Geräusche höre, kommts mir hoch", sagt Hoffmann. "Das gleiche gilt für Neo-Nazis, die gar nicht wissen, was Krieg bedeutet und was sie verherrlichen - schlimm, dass es so etwas gibt!"

Manchmal ist der 89-Jährige noch zu Fuß in Lübz unterwegs. Die Spaziergänge machen ihn oft nachdenklich: "Ich will nicht immer auf früher herumreiten, weil es schon immer solche und solche Leute gab, aber wenn ich zum Beispiel sehe, wie viel weggeworfenes Brot und andere Lebensmittel auf dem Boden herumliegen, bin ich fassungslos. Das gilt ebenso für den immer weniger werdenden Respekt unter den Menschen. Dies ist eine Gefahr für ruhiges Miteinander."

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