zur Navigation springen
Lokales

21. September 2017 | 16:21 Uhr

"Humanistischer Geist" für Prora

vom

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2010 | 06:44 Uhr

Prora. | Nur ein schmaler Streifen Kiefernwald trennt die Urlauberunterkünfte von der Ostsee. Ulrich Busch, ein Mann mit breitem Kreuz und leiser Stimme, läuft über einen schattig-kalten Sandweg in Richtung Meer. Am Dünensaum schaut er sich um und zeigt auf die monotone, kilometerlange Front von beige-grauem Beton. "Es ist ein einmaliges Objekt: diese Lage, die Architektur und diese Geschichte."

Die Nationalsozialisten erkannten vor 75 Jahren die Vorzüge der Prorer Wiek und stampften in der sanft geschwungenen Bucht zwischen Binz und Sassnitz ihr "Seebad der 20 000" aus dem Boden. 2006 kam Busch, Sohn des Schauspielers und Arbeiterlied-Sängers Ernst Busch (1900-1980). Er kaufte zwei Blöcke der Nazi-Anlage vom Bund: 36 Hektar beste Strandlage für 455 000 Euro.

Ab Frühjahr 2011 soll dieser fast zwei Kilometer lange Abschnitt für rund 100 Millionen Euro saniert werden. Die Gemeindevertretung Binz, für Prora zuständig, hat nach langem Hickhack im September den Bebauungsplan für die denkmalgeschützte Anlage beschlossen. Nun wartet Busch auf die Baugenehmigung vom Landkreis. In einem halben Jahr sollen sich die ersten Kräne drehen. "Wir streben für Prora den Status eines eigenen Seebades an. Nicht in Konkurrenz zu Binz, sondern in Ergänzung", entwickelt Busch seine Visionen. Nicht 20 000 Betten, sondern rund 3000 Betten sollen hier entstehen - allein in Block I und II sind zwei Hotels mit je 300 Betten sowie je 200 Eigentumswohnungen vorgesehen.

Ernst Busch, Agitpropsänger und Legende der Linken, war Verfolgter des Nazi-Regimes. Jahrelang bis April 1945 saß der Barde mit der schnarrenden Stimme im Zuchthaus Brandenburg-Göhren ein. Sohn Ulrich, Jahrgang 1964, nun Eigentümer eines Nazi-Baus, ist bemüht, sich von dem NS-Ballast zu distanzieren. Natürlich habe er sich auch als Busch-Sohn überlegt, ob er die Immobilie kaufen solle. Dann spricht er von "dem humanistischen Geist", der in den Mauern Einzug halten solle, davon, "das Objekt im Sinne unserer heutigen geistigen Verfassung" mit Leben zu füllen. "Ich denke, mein Vater hätte meine Entscheidung verstanden." "Kontrollmechanismen" sollen dafür sorgen, dass sich nicht Alt-Nazis in Prora einkaufen.Als Busch den Betonklotz vom Bund erwarb, gingen die Meinungen weit auseinander. Die einen sprachen von Größenwahn und Selbstüberschätzung. Andere warfen ihm vor, mit einem Quadratmeterpreis von 1,26 Euro in bester Lage ein Schnäppchen gemacht zu haben. Keine der Anfeindungen stimme, sagt Busch. Der Erwerb sei eher ziemlich riskant gewesen.

Es gab kein Baurecht - dafür aber bereits eine Investorengruppe, die gescheitert war. Es gab ernsthafte Kritiker wie den Historiker Jürgen Rostock, die den Käufern noch heute vorwerfen, dort eine Partymeile etablieren zu wollen. Und es gab den Denkmalschutz mit der Auflage, die Monotonie der Architektur nicht zu verändern. Als Zugeständnis an die Urlauber hat der Denkmalschutz den Anbau von Balkonen gestattet. So weit wie Busch ist bisher keiner gekommen. Der Koloss von Rügen war einst gedacht für 1000 Jahre - Beton, Konstruktion und Stahlbewehrung seien in überraschend gutem Zustand, erklärt der Mann, der seinem Vater verblüffend ähnlich sieht. Die Wohnungen werden 40 bis 100 Quadratmeter groß sein. Einen Kaufpreis nennt er noch nicht.Die 100 Millionen Euro, die für den Umbau der Blöcke I und II benötigt werden, will Busch jetzt über einen Immobilienfonds einwerben. Die Verbraucherzentrale Schwerin warnt wegen der Risiken vor einem privaten Investment in einen solchen Fonds.

Busch versichert, dass der Fonds nie für private Investoren gedacht gewesen sei. Verkauft werden sollen die Fondsanteile nur an gewerbliche Interessenten, die die Wohnungen und Drei-Sterne-Hotels dann selbst betreiben oder an Endverbraucher weiter verkaufen. Die Gespräche mit internationalen Investoren liefen, sagt Busch. Deren Namen will er noch in diesem Jahr präsentieren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen