"Hohe Sozialabgaben strangulieren"

svz.de von
28. Juli 2010, 06:45 Uhr

goldberg | Wolfram Gantert, Hersteller von Berufsbekleidung, beklagt, dass "Sozialabgaben die arbeitende Bevölkerung zunehmend strangulieren", wenn man überall wie in der Walter-Husemann-Schule Goldberg verfahre. Die dortige Leiterin hatte kürzlich der SVZ gegenüber scharfe Kritik daran geäußert, dass sich die Arge ab dem neuen Schuljahr aus der Finanzierung des an der Schule wirkenden Mitarbeiters einer "Kompetenzagentur" zurückziehen wird. Letztgenannte begleitet schwächere Schüler vor und mittlerweile vor allem nach dem Abschluss. Diese Wandlung hatte Gisela Hög ebenfalls moniert. Dafür könne jedoch die Agentur nichts. Die langsam erfolgte und keinem begreifbar zu machende Verschiebung sei "politisch gewollt".

Die Förderung des Mannes, so Gantert, geschehe nach dem Gießkannenprinzip. Über ihn hinaus könnten theoretisch aus heiterem Himmel weitere Agenturen aus privatwirtschaftlichem Interesse um Geld bitten ("Ich hatte schon selbst solche Anrufe"), weshalb der Überblick verloren gehen, viele Steuermittel versickern könnten. Mittlerweile habe sich auch dieser Bereich als stattlicher Wirtschaftszweig etabliert. "Wenn Herr Topp wie beschrieben Schüler intensiv in dieser einen Einrichtung begleitet, müssten wir dies - dem Gleichheitsprinzip folgend - in jedem Bereich tun", sagt der Unternehmer. "Wo aber kommen die Gelder dafür her? Auch aus Steuern und Sozialabgaben. Gleichzeitig wird schon über den Bestand der Rente als Sicherung fürs Alter diskutiert. Je weniger Menschen arbeiten, desto mehr Kosten werden abgewälzt."

Überall verteile man Fördergelder, aber das für die hier wohnenden Menschen wichtige Ziel, vor Ort Arbeitsplätze zu schaffen, werde nicht erfüllt. Eine weitere Erkenntnis für Gantert sei, dass viele junge Leute möglichst lange zur Schule gehen, zwischendurch jedoch nicht einmal für begrenzte Zeit das Arbeitsleben praktisch kennen lernen: "Sowohl an der Husemann-Schule als auch in Lübz habe ich nachgefragt, ob sie bereit wären, die Idee eines Praktikums in meinem Betrieb an die Schüler heran zu tragen. Das mag ja geschehen sein, aber Fakt ist, dass ich in diesem Jahr bis jetzt keine einzige Rückmeldung hatte."

Gantert sei 1993 in Goldberg angetreten, um auch jungen Leuten mit der Arbeit in einem produzierenden Betrieb vor Ort eine Perspektive zu geben. Zehn ehemalige Auszubildende seien heute noch in dem Unternehmen beschäftigt. "Ich habe Nachwuchs immer dazu angeregt, die Sinne einzusetzen, aufmerksam zu sein und gesagt: Was ihr für euch braucht, dürft ihr stehlen - nur mit den Augen", so der Geschäftsmann. "Ganz oben sollte die Erkenntnis stehen, hauptsächlich für sich selbst zu arbeiten, eigene Fähigkeiten auszubauen. Diesen Grundsatz müsste auch die Schule schon rechtzeitig vermitteln. Wenn ich meine ebenfalls schon mit Frau Hög geführten Gespräche richtig deute, ist dies auch ihre Einstellung."

Die Achtung vor dem anderen schwinde "gewaltig", Handy und der neueste Computer zählten mehr als alles andere. Diese sich immer mehr erfüllende Erkenntnis dürfe jedoch trotzdem nicht dazu führen, zu verallgemeinern: "Es gibt durchaus auch andere Beispiele. Als großes Problem sehe ich an, wenn Kinder vom Babyalter an in die Krippe und später in den Kindergarten gebracht werden, weil sich das Elternhaus dann auch in puncto Vorbildwirkung nicht etablieren kann. Die wichtige, für alles den Grundstein legende Erziehung findet zuhause statt - zugegeben, in manchen Fällen leider auch nicht. Zumindest sollte es so sein wie zuerst gesagt."

Die Aufgabe eines Unternehmers/Ausbilders bestehe zunächst vor allem darin, den ihm anvertrauten jungen Menschen zu vermitteln, ihre Hände, Augen und den Kopf einzusetzen, selbstkritisch zu sein und Eigenbeurteilung von ihnen zu fordern. Mit diesem Ansatz habe Gantert sehr viele gute Erfahrungen gemacht.

Die Firma haben inzwischen seine Söhne übernommen. Der größte Teil der insgesamt 30 Beschäftigten arbeitet am Firmenstandort Wendisch Waren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen