zur Navigation springen
Lokales

19. November 2017 | 11:37 Uhr

Hochbetrieb am Strelasund

vom

Neue Scandlines-Fähren "Berlin" und "Copenhagen" nehmen Gestalt an - Werft wechselte von Containerfrachter-Massenware zum komplexen Spezialschiff

svz.de von
erstellt am 28.Jul.2011 | 08:59 Uhr

Stralsund | Es herrscht wieder Leben in der Halle. Dröhnende Hammerschläge, funkensprühende Schweißflammen und Warnsignale sich bewegendender Laufkrananlagen künden vom Aufbruch am Sund.

Auf rollenden Kielträgern bewegt sich am Mittwoch Zentimeter für Zentimeter das mehrere Hundert Tonnen schwere Achterschiff einer neuen Ostseefähre auf das vorgefertigte Mittel- und Vorderschiff. Eine Stunde später sind die beiden Schiffshälften zusammengetaktet. Der Rohbau der 169 Meter langen Scandlines-Fähre, die am 7. März 2012 den Betrieb auf der Linie Rostock-Gedser aufnehmen soll, nimmt allmählich Gestalt an.

Ein bisschen Zeitverzug

In den nächsten Wochen werde der riesige Schiffskörper noch bis auf eine Höhe von 45 Metern aufgestockt, sagt Frank Giebel, stellvertretender Fertigungsleiter. "Gerade mal so hoch, dass das Schiff im November noch das gigantische Tor der Montagehalle zum Absenken in den Strelasund passieren kann." Ein bisschen sei der Bau der beiden Superfähren in Zeitverzug geraten. Es habe Lieferengpässe und einige Konstruktionsänderungen gegeben, sagt Giebel. Aber pünktlich zum Saisonauftakt im Mai 2012 würden beide Zwillingsschiffe im Liniendienst fahren.

Optimismus in der Belegschaft

Lars Jordt, technischer Inspektor von Scandlines, überwacht die Montage. "Es war richtig, dass wir im Frühjahr 2010 den Auftrag hierher nach Stralsund gegeben haben", sagt er. Die Volkswerft habe als einziger deutscher Schiffbaubetrieb den sofortigen und zeitgleichen Bau der technologisch anspruchsvollen Schiffe anbieten können. Jordt zeigt auf den benachbarten Montageplatz. Auch dort herrscht Hochbetrieb. Ganze Schweißertrupps sind gerade damit beschäftigt, tonnenschwere Großsektionen für die zweite Fähre vorzubereiten. "In der Belegschaft herrscht 100 Prozent Optimismus", sagt René Haack, 40 Jahre alt, Schiffbauer und gerade erst aus mehreren Monaten Kurzarbeit Null wieder zurück am Arbeitsplatz. Die Flaute, die mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise auch die Werft erfasst habe, sei das Schlimmste gewesen, was er hier in den vergangenen 24 Jahren erlebt habe. "Keiner wusste so richtig, wie und ob es überhaupt weitergehen wird. Und jetzt haben wir wieder richtig zu tun."

Produktionsprofil neu ausgerichtet

Haack ist gerade dabei, am Unterwasserschiff der künftigen Großfähre Profile und Flacheisen anzuheften. Nachschub bringt Mario Rasser mit einem Elektrokarren. Er habe eigentlich nie daran gedacht, dass hier einmal die Lichter ausgehen könnten, sagt der 27-Jährige, dessen Vater schon auf der Volkswerft arbeitete. Und er habe nie bereut, hier eine Lehre angenommen zu haben. Das Unternehmen, das jetzt sogar dringend junge Facharbeiter suche, biete gerade jungen Leute attraktive Perspektiven, sagt er.

Dass die Stimmung stimmt am Strelasund, daran hat Dieter Brammertz entscheidenden Anteil. Der aus dem Maschinen- und Anlagenbau an die Küste gewechselte Manager hatte Anfang 2010 die angeschlagenen Hegemann-Werften in Wolgast und Stralsund als Vorsitzender der Geschäftsführung übernommen. Ein Jahr zuvor war der Umsatz der vorpommerschen Schiffbaubetriebe um zehn Prozent eingebrochen. Das Land hatte mit einem Überbrückungskredit ausgeholfen. "Inzwischen haben wir unser Produktionsprofil neu ausgerichtet", sagt Brammertz. "Weg von der Massenware Containerschiff, hin zu technologisch komplexen Schiffstypen." Der vorerst letzte Containerfrachter hatte Ende April die Volkswerft verlassen.

Die Auftragsbücher sind gut gefüllt

Dass die Stralsunder und Wolgaster mehr als "nur" Containerschiffe bauen können, hatten sie in der Vergangenheit schon mit der Auslieferung von Ankerziehversorgern, Mehrzweckschiffen, Notschleppern und sogar Passagier-Linern bewiesen. Das habe die Branche mit Vertrauen gewürdigt, sagt Brammertz, dessen Leitungsteam allein seit Oktober 2010 Aufträge im Umfang von 600 Millionen Euro aquirierte.

Inzwischen stehen in den Auftragsbüchern der zur P+S Werften GmbH fusionierte Volkswerft Stralsund und Peene-Werft Wolgast 21 Neubauten mit einem Gesamtwert von rund 740 Millionen Euro. Der Trend zum technologisch anspruchsvollen Schiffbau wird jetzt in den Montagehallen und an den Ausrüstungskais sichtbar. Unlängst wurden bereits zwei Flusskreuzer an die Münchener Premicon AG ausgeliefert. Am Peenestrom ging im Frühjahr der 173 Meter lange Rumpf eines Einsatzgruppenversorgers für die Marine zu Wasser. Schon in wenigen Tagen sollen zwei weitere Ro-Ro-Fährschiffe für die Reederei DFDS auf Kiel gelegt werden.

"Mit den beiden neuen Schwesterschiffen Berlin und Copenhagen werden wir unsere Kapazitäten auf der Linie Rostock-Gedser verdoppeln", sagt Scandlines-Chef Stefan Sanne. "Kein noch so fragwürdiger "Brückenneubau wie die umstrittene Fehmarnbelt-Querung wird uns daran hindern, in die Modernisierung der Seewege zu investieren". Insgesamt 230 Millionen Euro bringe Scandlines für die beiden Fähren sowie für den vor einem Monat begonnenen Neubau eines maßgeschneiderten Fähranlegers in Gedser auf.

Hoffnung für die ganze Schiffbau-Industrie

Volkswerft-Betriebsrat Jürgen Kräplin wertet die Neuausrichtung der beiden Schiffbaubetriebe als Hoffnungszeichen für die angeschlagene Schiffbauindustrie. Wohl keine andere Werft in Deutschland verfüge derzeit über einen derart stabilen Auftragsbestand, der es ermögliche, Belegschaft und Baukapazitäten wieder weitgehend komplett auszulasten. Vorbereitet werde jetzt schon der Bau eines der weltweit größten Schwerlastschiffe für den Offshore-Bereich. Auch vier Patrouillenschiffe für die schwedische Küstenwache und fünf eisgängige Spezialfrachter für die grönländische Reederei Royal Arctic Line wollen die Schiffbauer von P+S in den nächsten Monaten zu Wasser lassen.

Die beiden neuen Scandlines-Fähren Berlin und Copenhagen

Die beiden neuen Scandlines-Fähren, die auf die Namen „Berlin“ und „Copenhagen“ getauft werden sollen, werden 196 Meter lang und 24,80 Meter breit sein. Sie sollen bis zu 20,5 Knoten (38 Kilometer je Stunde) schnell sein. Ihr Antrieb kann alternativ auch auf den Betrieb mit Flüssiggas umgestellt werden, falls sich das wirtschaftlich rechnen sollte.

Sie können bis zu 1500 Passagiere aufnehmen sowie 460 Pkw oder 90 Lkw. Zum Catering-Konzept an Bord gehören ein Buffet-Restaurant, ein A-la-carte-Restaurant, eine Caféteria, ein Selbstbedienungsrestaurant sowie diverse Snack- und Getränkeautomaten. Zudem stehen den Gästen mehrere Shops und Konferenzräume zur Verfügung.

Die Fähren sollen die 1980 gebauten Schiffe „Kronprins Frederik“ und „Prins Joachim“ ersetzen, die voraussichtlich an eine andere Reederei verchartert werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen