Historiker: Schwerin feiert viel zu früh

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22. April 2010, 09:44 Uhr

Schwerin | Die Schweriner feiern ihr Stadtrechtsjubiläum rund 20 Jahre zu früh. Mit dieser These will Fred Ruchhöft heute in der Landeshauptstadt die Historiker-Tagung zur 850-Jahr-Feier einläuten. Als Indiz dienen dem Greifswalder Historiker gut erhaltene Eichenbohlen, die Archäologen in den vergangenen Jahren bei Bauarbeiten in der Innenstadt aus der Erde geholt haben. Ruchhöft: "Viele lassen sich anhand der Jahresringe rund um das Jahr 1180 datieren." Die Eichenstämme wurden verbaut, kurz nachdem Schwerin das Stadtrecht verliehen wurde, vermutet der Historiker. Auch Stralsund und Rostock hätten einen Bauboom erlebt, gleich nachdem sie zur Stadt erhoben wurden. Das lässt sich in den beiden Hansestädten mit Urkunden und Ausgrabungen beweisen.

In Schwerin aber fehlt die Urkunde, mit der Heinrich der Löwe Schwerin zur Stadt erklärte. Sie ist wahrscheinlich bei einem der zahlreichen Stadtbrände vernichtet worden. Wenn Schwerin bereits 1160, als Heinrich der Löwe den Obotritenfürsten Niklot besiegte, Stadt geworden wäre, müssten die Eichenbohlen auch 20 Jahre älter sein, so Ruchhöft.

Trotzdem müsse die Geschichte der Stadt nicht gänzlich neu geschrieben werden. Aber über das Gründungsdetail darf weiter gestritten werden. Ruchhöft selbst bietet ein Feier-Datum an. Im Jahr 1018 habe der Bischof Thietmar von Merseburg Schwerin zum ersten Mal in seiner Chronik erwähnt. Somit könne Schwerin bereits 2018 seine 1000-Jahr-Feier begehen.

Die Stadt lässt sich von Ruchhöfts Thesen nicht beirren. Auch wenn Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow in einem Aprilscherz Anfang des Monats geflunkert hatte, ein neu entdecktes Dokument beweise, dass Schwerin erst in drei Jahren seinen 850. Geburtstag begehen könne (SVZ berichtete), will die Kommune die diesjährigen Feierlichkeiten nicht absagen. Dr. Bernd Kasten, Leiter des Stadtarchivs: "Da es keine besiegelte Urkunde über die Verleihung der Stadtrechte mehr gibt, lässt sich das Gründungsdatum nicht genau festlegen." Schwerin müsse aber zwischen 1160 und 1178 gegründet worden sein. "Heinrich der Löwe eroberte die Stadt erst 1160 von den Slawen, die kein Stadtrecht kannten", so der Archivar. Ein späteres Datum als 1178 komme deshalb nicht in Frage, weil in Dokumenten aus diesem Jahr erstmals von Schweriner Stadtbürgern die Rede sei. Um trotz unsicherer Quellenlage Stadtjubiläen feiern zu können, sei 1960 festgelegt worden, die Stadt sei 1160 gegründet worden. Kasten: "Dieser Tradition folgen wir." Die Historiker-Tagung heute und morgen im Rathaus ist öffentlich. Der inhaltliche Bogen reicht bis in die Neuzeit.

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