Hier entscheiden die Kinder selbst

Der Besuch aus der Reggio Emilia  wurde von den Kita-Kindern schon am Bahnhof abgeholt: Die angehenden Erzieherinnen aus Italien lernen eine Woche lang Schwerin kennen und arbeiten in der  Friedrichsthaler Einrichtung mit.Westphal
Der Besuch aus der Reggio Emilia wurde von den Kita-Kindern schon am Bahnhof abgeholt: Die angehenden Erzieherinnen aus Italien lernen eine Woche lang Schwerin kennen und arbeiten in der Friedrichsthaler Einrichtung mit.Westphal

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05. Juni 2010, 01:57 Uhr

Friedrichsthal | "Hier dürfen aber nur drei spielen. Du musst raus." An der Burgbaustelle in der Kita Reggio Emilia stehen vier Jungen in ernsten Ver handlungen, die Stirnen leicht gerunzelt. Sie haben sich heute entschieden, nicht an den Tagesangeboten teilzunehmen, sondern mit den großen bunten weichen Bauklötzen zu spielen, die je nach Fantasie ein Schloss, ein Bauernhof, eine Burg oder auch mal ein Panzer sind. Das Problem an diesem Vormittag: Nach den Regeln der Kita dürfen hier nur drei Kinder zeitgleich bauen. Die Regeln haben die Kinder selbst mit aufgestellt haben und sind deshalb auch für deren Einhaltung zuständig. Das nehmen sie sehr ernst. Kita-Leiterin Christiane Alm muss schmunzeln, als sie an den Jungen vorbeigeht. "Sie sind manchmal strenger als die Erwachsenen", sagt Alm. "Wir haben wirklich nur gute Erfahrungen mit der Reggio-Pä dagogik und den offenen Gruppen gemacht. Ich möchte nicht mehr anders arbeiten."

Mit den Kindern die Regeln des Zusammenlebens in der Gemeinschaft erarbeiten, ihnen Verantwortung übertragen und gleichzeitig Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten lassen - die Kita Reggio Emilia war die erste in Schwerin, die nach diesem Konzept arbeitete, jetzt folgen immer mehr. Christiane Alm hat häufig Hospitanten zu Gast. Immer noch stellt sie die Kita und ihre Arbeit gerne vor. Auch nach sechs Jahren am Standort Friedrichsthal. "Wenn ich Reggio-Pädagogik in wenigen Worten zusammenfassen soll, dann so: lernen von Anfang an", sagt die Kita-Leiterin. Reggio-Pädagogik geht davon aus, dass jedes Kind gleich nach seiner Geburt über Fähigkeiten verfügt, die es selbstständig weiterentwickeln kann. Der Erzieher ist nicht der Anleiter, der alles besser weiß und belehrt, er ist eher Begleiter und Dialogpartner der Kinder, regt an und macht Lust auf lebenslanges Lernen. Die Kinder bestimmen selbst, ob sie an den täglich wechselnden Gruppenangeboten teilnehmen möchten oder lieber im Musikraum tanzen, im Werkraum bohren, im Forschungsraum mikroskopieren, in der Entspannungsecke in einem Buch blättern, die Freundin massieren, sich verkleiden oder die Puppen bekochen. Oder den Wasserspielplatz im Waschraum nutzen. Wer sich dort nicht an die Regeln hält und eine Überflutung anrichtet, ist für einige Tage gesperrt vom Wasserbereich. "Wir lassen auch zu, dass ein Kind mal Langeweile hat", sagt Alm.

Morgenkreis, Mittagessen und Ruhe- oder Schlafpausen sind die festen Eckpunkte im Tag. "Es geht bei uns aber nicht darum, dass jeder macht, was er will und hier das Tohuwabohu herrscht", so Alm. Viele Eltern hatten so etwas befürchtet, als sie vor sechs Jahren mit dem neuen Konzept konfrontiert wurden. "Hier lernt mein Kind doch nichts", "So wird es nicht vernünftig auf die Schule vorbereitet", waren die häufigsten Sorgen. Das Gegenteil ist der Fall, betont die Kita-Leiterin: Durch die Einbindung in das Regelgeflecht und die Eigenverantwortung lernen die Kinder mehr als anderswo und mit Spaß.

In dieser Woche kommen sogar Italienisch-Stunden hinzu. Die angehenden Erzieherinnen Valentina, Frederica, Francesca und ihre Lehrerin Teresa sind zu Gast. Sie kommen aus der Reggio Emilia, wo diese besondere Form der Pädagogik entwickelt wurde. Untergebracht bei Gasteltern, machen sie morgens im Kita-Betrieb mit, bekommen aber auch jede Menge von der Stadt zu sehen. Im Herbst fahren dann einige Schweriner Erzieherinnen in die Reggio Emilia, um in Seminarzentren und Kitas dort noch mehr über "ihre" Pädagogik zu lernen.

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