Mauerfall : Herbst 1989: Parchimer stehen auf

Zu den Rednern gehörte am 4. November 1989 auch Dr. Detlev Witte (2.v.l.)
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Zu den Rednern gehörte am 4. November 1989 auch Dr. Detlev Witte (2.v.l.)

Größte Wende-Demo in der Eldestadt unvergessen – Mehr als 10 000 Bürger waren vor 25 Jahren Einladung des Neuen Forums gefolgt

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04. November 2014, 08:00 Uhr

Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, noch was Sie heute vor 25 Jahren gemacht haben? Viele müssen sicher nicht lange überlegen. Am Sonnabend, dem 4. November 1989, waren mehr als 10 000 Parchimer einer Einladung des noch nicht offiziell zugelassenen Neuen Forums gefolgt, um sich mit ihren Forderungen nach freien Wahlen, Reisefreiheit und gesellschaftlichen Veränderungen endlich öffentlich Gehör zu verschaffen. Dass sie sich damit einen Platz im Geschichtsbuch gesichert haben, wurde den meisten erst Jahre später bewusst. „Wie viel Aufbruchstimmung, wie viel Verunsicherung und Freiheitswille, wie viel Aufgewühltsein und Wagnis, wie viele Beharrungsversuche und wie viel Reformeifer lagen doch in diesen Herbsttagen 1989“, räumt Wolfgang v. Rechenberg, Symbolfiguren der Parchimer Wende, später ein. In seiner Wohnung hatten sich am 4. Oktober 1989 knapp 30 Frauen und Männer getroffen, um im Schutz der Kirche die Interessengemeinschaft Umgestaltung in Parchim zu gründen. Diskussionsveranstaltungen und Demos mit 200 bis 1000 Teilnehmern folgten. Doch der 4. November sollte alle Erwartungen übertreffen. Zu denen, die sich an diesem Samstagvormittag an der St. Georgenkirche versammelten, gehörte seinerzeit auch Fotograf Willy Voß. Als hätte er es geahnt, hatte er sich mit ausreichend Filmmaterial und zwei Kameras ausgerüstet. Er fotografierte alles, was ihm an diesem Tag vor die Linse kam. „Viele Parchimer kannten mich. Andere waren skeptisch, ob ich womöglich für die Stasi Bilder mache“, erinnert er sich noch sehr gut. Als er am gleichen Abend seine Fotos in der Dunkelkammer entwickelt hatte, war er sich ziemlich sicher: Für Parchim war es der Aufbruch. „Erstmals konnte jeder selbst entscheiden, ob und wofür er auf die Straße gehen wollte“, so Willy Voß.

In den folgenden Tagen war der damals 50-Jährige bei allen wichtigen Ereignissen der Wende mit seiner Kamera vor Ort. Am 4. Dezember schoss er die Fotos in der von 300 Bürgern besetzten Parchimer Stasizentrale, die in den Nachrichten des ZDF deutschlandweit bekannt gemacht wurden. Zwölf Vertreter des Neuen Forums fanden im Heizungskeller die noch warme Asche von verbrannten Akten vor.

Mehrere hundert Fotos aus den Parchimer Wendetagen sind derzeit täglich in einer Ausstellung (ohne Eintritt) in der Dorfkirche in Stolpe zu sehen. Da wird der 4. November 1989 für viele Besucher noch einmal lebendig.


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