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Lokales

20. November 2017 | 20:09 Uhr

Heldenhaft oder doch leichtsinnig?

vom

svz.de von
erstellt am 15.Okt.2010 | 11:38 Uhr

Lassahn | Es ist kurz nach 23 Uhr als Berthold Meißner vom lauten Rufen vor seinem Balkonfenster aufgeschreckt wird. "Ich saß mit Schlafanzug vor dem Fernseher", erinnert er sich. Draußen habe jemand geschrien, dass die Wohnung nebenan brenne. Meißner steigt schnell in seine Arbeitsschuhe ohne sie zuzubinden, läuft in Shorts und T-Shirt ins Nachbarhaus. Sein Bekannter Frank lebt in der Wohnung. Er weiß, dass er drin sein muss. "Franks Auto stand vor der Tür, und abends brannte doch noch Licht in seinem Wohnzimmer." Berthold Meißner überlegt nicht lange. "Ich dachte, wenn Frank das überleben soll, dann muss ich da sofort rein." Im Flur vor der Wohnung trifft Meißner auf einen Feuerwehrmann, der im selben Aufgang wohnt. Der Feuerwehrmann zögert, er weiß, dass seine Kollegen in jedem Augenblick mit Masken und Schutzanzügen vor dieser Tür stehen werden. Aber Meißner will nicht warten. Gemeinsam treten sie die Wohnungstür ein. Instinktiv ducken sie sich ab. Kriechen gebückt durch den heißen, schwarzen, beißenden Rauch in den Flur. "Frank lag gleich hinter dem Eingang", erzählt Meißner. Er muss sich noch selbst aus dem Wohnzimmer geschleppt haben. "Wir haben ihn dann zu zweit raus in den Aufgang gezogen und in die stabile Seitenlage gebracht."

Zwei Wochen ist der Wohnungsbrand heute her. Meißners Nachbar Frank liegt mit schwersten Verbrennungen im künstlichen Koma in einer Hamburger Klinik. "Seine Schwester rief mich gerade an", sagt Berthold Meißner. "Er muss das dritte Mal operiert werden."

Jene Nacht zum 1. Oktober lässt Berthold Meißner nicht mehr los. "Es tut gut, mit Kollegen und Freunden darüber zu reden", sagt er. "Dann kann ich das alles besser verarbeiten." Sein Vorgesetzter Johann Graf von Bernstorff spricht vom "selbstlosen Einsatz" seines Mitarbeiters. "Er verdient öffentliche Anerkennung für das verantwortungsvolle Handeln gegenüber Mitmenschen", schreibt von Bernstorff in einem Brief an die Zarrentiner Bürgermeisterin Greta Glass und an die SVZ. "Denn er hat unter Einsatz seines Lebens und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit einen Menschen aus den Flammen gerettet."

Mario Langkau, Wehrführer der Lassahner Wehr und Einsatzleiter in jener Nacht, sieht das ganz anders. "In der Wohnung herrschte große Explosionsgefahr. Die Tür war so heiß, dass man davon ausgehen musste, dass sich durch das plötzliche Öffnen der Tür ein Feuerball, ein so genannter Backdraft, entzündet." Man könne von Riesenglück sprechen, dass die Wehr bei dem Einsatz nicht drei Brandopfer versorgen musste. Beide Retter hätten grob verantwortungslos und fahrlässig gehandelt ohne auf die Meinung des Einsatzleiters zu hören. Denn nur wenige Sekunden später waren sieben Kameraden mit Atemmasken und Schutzkleidung im Flur. Langkau: "Wenn überhaupt keine Rettungskräfte vor Ort gewesen wären, hätte ich das noch nachvollziehen können. So aber bleibt es einfach nur purer Leichtsinn."

Berthold Meißner erklärt seine Reaktion mit einem Impuls, dem er folgen musste. "Wenn jemand so akut in Gefahr ist, dann denke ich nicht nach, sondern handele. Das steckt so in einem drin." Dass er das Opfer kannte, spiele dabei keine Rolle. "Das hätte ich für jeden anderen auch getan."

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