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Lokales

23. Oktober 2017 | 13:51 Uhr

Heimatgeschichte im Rolladen-Kasten

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erstellt am 05.Apr.2011 | 06:48 Uhr

Kleinow | Um ein Haar wären die vergilbten Blätter mit der altdeutschen Frakturschrift im Müll gelandet. "Es war Glück, dass ich dabei war, als kurz nach der Wende die alten Fenster unseres Hauses ausgetauscht wurden. So konnte ich die Zeitungen, die in den Rollladenkästen steckten, aufheben, die Arbeiter hätten sie bestimmt achtlos entsorgt", sagt Ekkehard Böhm und lässt vorsichtig die knittrigen Seiten durch die Finger gleiten.Viel Papier habe in den Kästen gesteckt, erinnert er sich, aber nur vier Zeitungen seien noch gut lesbar erhalten gewesen. Darunter eine Ausgabe des "Prignitzers" vom 5. April 1922 sowie drei Ausgaben der "Prignitzer Nachrichten" vom 8. April 1922, 18. Februar 1927 und vom 11. Juli 1928.

"Unser Haus wurde 1906 gebaut und diente lange als Schule", weiß Ekkehard Böhm. Seit 1957 wohnt er hier, stammt ursprünglich aus Schlesien und kam nach dem zweiten Weltkrieg in die Prignitz. "Vermutlich hat man Anfang der 30er Jahre die Zeitungen als Windschutz in die Kästen gesteckt, mutmaßt er. Für jemanden wie mich, der sich etwas für Geschichte interessiert, war der Fund natürlich toll.

Fremdes Layout kontra bekannte Themen

Auch wenn sich das Layout und der Umfang unserer Zeitung bis heute deutlich verändert haben, wurde der Inhalt genau wie heute vom politische Alltagsgeschäft, großen und kleinen Katastrophen und Kuriositäten bestimmt. So berichtet der "Prignitzer" von der ersten Landung eines Postflugzeuges in Wittenberge und vermeldet, dass es auf der Strecke Hamburg-Wittenberge-Berlin "weitere Zugverbesserungen" gebe. Zum Schmunzeln bringen Artikel über Ärzte, die mehr Geld fordern und streikende Lokführergewerkschaften - die auch heutigen Zeitungslesern nicht unbekannt sein dürften. Doch profitierten die "Prignitzer"-Abonnenten von 1922 nicht nur von der Information, denn laut Hinweis im Titelkopf war "jeder Abonnent und dessen Ehefrau gegen tödlichen Unglücksfall oder Ganzinvalidität mit 1000 Mark bei der "Arminia"-München versichert - eine Medienpartnerschaft der etwas anderen Art.

Ebenfalls im April 1922 berichten sowohl "Prignitzer" und die "Prignitzer Nachrichten" über die Konferenz von Genua, auf der 34 Staaten die Wiederherstellung der durch den ersten Weltkrieg zerrütteten Finanz- und Wirtschaftssysteme diskutierten, außerdem wird die Zulassung der Frauen zum Schöffen- und Geschworenenamt thematisiert.

Am 11. Juli 1928 wird über die Parlamentsdebatte berichtet, in der es darum geht, den 11. August als Nationalfeiertag gesetzlich festzulegen. Dieses Thema verblasst allerdings vor der Meldung mit dem Titel "Die einsamen Menschen am Nordpol verloren". "Die Funksprüche sind verstummt. Dieses Schweigen läßt befürchten, daß es mit den Ueberlebenden der "Italia"-Mannschaft zu Ende ist."

Luftschiff bei Polarexpedition abgestürzt

Die "Italia" war ein italienisches Luftschiff, dass am 25. Mai 1928 bei einer Polarexpedition verunglückte. Neun Überlebende blieben teils verletzt auf dem Eis zurück, darunter der Expeditionsführer Umberto Nobile. Mit einem Funksender stellten sie schließlich Kontakt zur Außenwelt her und eine internationale Rettungsaktion lief an, in deren Verlauf der berühmte norwegische Polarforscher Roald Amundsen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

"Das sind Geschichten, die auch heute noch spannende zu lesen sind", sagt Ekkehard Böhm. Nachdem er 40 Jahre in der Prignitz gelebt hat zieht es ihn nun fort. "In die Nähe von Munster, dort wohnt meine Tochter. Wegwerfen wollte ich die alten Zeitungen trotzdem nicht und dachte mir, beim "Prignitzer" sind diese Stücke vielleicht ganz gut aufgehoben.

Um die historischen Dokumente allen interessierten Prignitzern zugänglich zu machen, übergibt sie die Redaktion dem Stadtarchiv Wittenberge. "Eine tolle Bereicherung für unseren Bestand, wir freuen uns auf die Aufarbeitung", so Archivleiterin Susanne Flügge.

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