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Lokales

16. Dezember 2017 | 12:19 Uhr

Hebammen kämpfen um Existenz

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erstellt am 24.Mai.2010 | 05:24 Uhr

Schwerin | Die Geburtshilfe in Deutschland ist in Gefahr - mit diesem Hilferuf wenden sich bundesweit Hebammen an die Öffentlichkeit. Sie sehen ihren Berufsstand in Not und damit ein Stück Freiheit auf dem Spiel, das Recht angehender Eltern, selbst über Ort und Umstände der Niederkunft zu entscheiden. Der Grund: Geburtshilfe lohnt sich immer weniger, da die Prämien für die notwendige Berufshaftplichtversicherung immer mehr steigen. Das nächste Mal zum 1. Juli. 3689 Euro Jahresbeitrag muss eine Geburtshelferin dann zahlen, mehr als das Zwanzigfache im Vergleich zu 1992. Seinerzeit lag die Prämie nach Auskunft des Deutschen Hebammenverbandes bei 179 Euro, bis 2009 war der Beitrag bereits auf 2370 Euro geklettert.

Die Höhe der Haftpflicht zeigt, wie viel Verantwortung eine Hebamme bei der Entbindung trägt, ihr Einkommen hingegen zeigt es nicht, stellt Sigrid Ehle, Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern, fest. 210 angestellte und niedergelassene Hebammen gehören der Berufsvereinigung an. Neben der Geburtshilfe zählen Geburtsvorbereitung und Nachsorge zu ihren Aufgaben. "Frauen im Wochenbett steht bis zum 10. Tag die tägliche Hebammen-Betreuung zu, weitere Hilfe können sie bis zum Ende der Stillzeit in Anspruch nehmen", erklärt Sigrid Ehle.

Geburtshelfer erhalten Stundenlohn von 7,50 Euro

Schwangere können entscheiden, wo und mit welcher Hilfe sie entbinden wollen - im Kreißsaal der Krankenhäuser bei den diensthabenden Hebammen oder mit einer Hebamme ihrer Wahl in deren Praxis, zu Hause oder im Belegbett der Klinik. Neben den angestellten Hebammen gebe es landesweit derzeit 67 freiberufliche Kolleginnen, die Geburtshilfe leisten.

Für sie alle sind die Haftpflichtprämien Thema. Selbst angestellte Hebammen müssen einen Teil der Kosten tragen, wie Sigrid Ehle erklärt. "Die Beiträge der Kliniken reichen dafür nicht aus." Mit bis zu sechs Millionen Euro stehe eine Versicherung im Fall von Geburtsfehlern ein. Die Höhe der Prämien werde mit den kostenaufwendigen Künsten der Intensivmedizin und zunehmenden Schadensersatzklagen begründet. "Hinzu kommt, dass in Deutschland Ansprüche bis zu 30 Jahren nach der Geburt geltend gemacht werden können, anderswo sind es zehn Jahre", sagt die Verbandschefin.

Noch habe zwar keine der 67 niedergelassenen Frauen angekündigt, die Geburtshilfe aufzugeben, doch die Gefahr wächst. Der Bundesverband der Hebammen, der sowohl den Gruppenvertrag zur Haftpflicht als auch die Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen führt, hat den Verdienst einer selbstständigen Geburtshelferin errechnet. Fazit: Die Frauen arbeiten für einen Stundenlohn von 7,50 Euro. Und die Kluft zwischen dem, was Krankenkassen zahlen, und dem, was Versicherungen kosten, wird tiefer.

Darum hat der Deutsche Hebammenverband am 5. Mai, dem Internationalen Hebammentag, übers Internet eine Petition an den Deutschen Bundestag gestartet. Seine Forderung: "Der Bundestag möge Sofortmaßnahmen beschließen, um eine wohnortnahe Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe und die freie Wahl des Geburtsortes auch nach dem 1. Juli 2010 sicherzustellen." Schon nach drei Tagen waren 50 000 Unterschriften beisammen, so viele, wie es mindestens braucht, damit sich der Petitionsausschuss des Themas annimmt. Mittlerweile haben mehr als 94 000 Menschen unterzeichnet und noch bis morgen besteht die Chance, das Anliegen zu unterstützen. "Vielleicht waren wir zu lange still, doch jetzt geht es nicht mehr", sagt Sigrid Ehle. "Die Schmerzgrenze ist erreicht."

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