Handwerkskunst mit Leidenschaft

Alles in Handarbeit: Kay Gundlack zieht eine Schicht über den Leisten. rump
Alles in Handarbeit: Kay Gundlack zieht eine Schicht über den Leisten. rump

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06. Oktober 2010, 12:15 Uhr

Parchim | Gegenwärtig arbeitet Kay Gundlack an einem Kaiman-Schuh in Schwarz. Das Paar hat schon Form angenommen, wobei die eher schlicht wirkt. Umso extravaganter ist das Leder. "Das spricht für sich, bis ins Detail", erklärt der Inhaber der Manufaktur in Parchim und nimmt den rechten, noch halbfertigen Schuh in die Hand. "Hier, die Schuppung muss ganz genau aus gerichtet sein." Für das Krokodilleder braucht Gundlack einen Nachweis, dass er es legal erworben hat. Den bekommt auch der Kunde mit, bei diesem Auftrag ein Manager großer Events. Ohne Regis triernummer hätte er später bei einer Einreise aus Übersee womöglich Probleme wegen seiner exklusiven Lederschuhe bekommen.

Jedes Paar, das das kleine, schmucke Geschäft am Neuen Markt verlässt, ist ein Unikat, ganz nach Wunsch des Kunden in Handarbeit entstanden. Natürlich haben Maßanfertigung und außergewöhnliches Material ihren Preis. Hier aus der Region geben nur wenige ihr Geld dafür aus, die meisten Kunden findet Kay Gundlack im Raum Hamburg, Berlin und Hannover, unter Prominenten wie anderen gut Betuchten, die mit Schuhen aus Parchim vornehme Gala-Veranstaltungen besuchen und zuweilen über den roten Teppich schreiten. Um persönliche Kontakte zu knüpfen oder aufzufrischen, fährt er zu großen Bällen, Partys und Empfängen, stellt die Modelle bundesweit in Nobelhotels, Golfclubs und exquisiten Herrenausstattern vor. "Doch ich freue mich jedes Mal, wieder nach Hause zu kommen, es ist so schön hier", schwärmt der gebürtige Goldberger, der 1999 mit seiner Familie in ein Dorf bei Parchim zog. Dass so viele junge Leute nach der Schule weggehen, tue ihm persönlich weh.

Vor knapp fünf Jahren hat er sich selbstständig gemacht und dabei auch gelernt, zu kämpfen, sich durchzusetzen, sagt Kay Gundlack, der demnächst 37 wird. Die Banken versagten ihm trotz durchdachten Konzepts den sicher geglaubten Kredit, das Ersparte musste ran und sogar das Eigenheim als Sicherheit. "Meine Frau stand zu mir, das gab den Ausschlag."

Seit Juli hat Gundlack in seiner Schuhmanufaktur endlich Verstärkung. Schon längere Zeit hatte er einen geeigneten Mitarbeiter gesucht, der sich um das Geschäft und die Werkstatt kümmert, wenn der Chef außerhalb bei Kunden ist. Außerdem habe sich die Auftrags lage so gut entwickelt, dass sie für einen Ein-Mann-Betrieb zu viel wurde. Zusammengenommen bis zu 30 Stunden, verteilt auf etwa 200 Arbeitsschritte, werden gebraucht, um ein Paar maßgefertigte Schuhe ausliefern zu können. Sven Möller ist gelernter Orthopädie-Schuhmacher und hat zuvor in Parchim gearbeitet wie der Inhaber der Manufaktur. Dieser möchte ab nächstes Jahr zum ersten Mal ausbilden und weiter durchstarten, "die Ehre Parchims als alte Tuch- und Schuh macherwerkstatt hoch halten", wie er schmunzelnd sagt. Eine neue Nähmaschine und Schleif maschine sind schon geplant.

"Maßschuhmacher ist ein wunder barer Beruf. Der verlangt mindestens genauso viel Leidenschaft wie handwerkliches Geschick", ist Kay Gundlack überzeugt. "Wer ihn erlernen will, darf nicht nur einen Job suchen, um Geld zu verdienen, sondern muss aus sich heraus sagen, das will ich können." Und in einer Manufaktur gehe es familiär zu, da zähle Zusammengehörigkeit. Sicher werde ein Auszubildender erst schrittweise "ins Schuhmacher-Dasein hineinfinden", sich anfangs mit Material wie Werkzeug vertraut machen und Reparaturen erledigen, "doch es kommen ständig Aufgaben hinzu, bis derjenige selbstständig einen Schuh nach Maß anfertigt und seine berufliche Erfüllung findet", so Gundlack. Wichtig ist für ihn auch der Umgang mit Menschen. "Man redet doch viel miteinander. Ich höre Kunden interessiert zu, speichere jedes Mal was für mich ab. Beim Angestellten oder Handwerker aus der Region, die sich das Geld für einen Maßschuh zusammensparen, genauso wie beim Prominenten und Millionär."

Kay Gundlack hat sich bundesweit einen Namen gemacht. Dafür spricht auch, dass Studenten von Design-Schulen und der Fachhochschule für Schuhtechniker zum Praktikum kommen. Und Mitte des Monats wird in Berlin ein bundesweiter Verein gegründet, dem "die angesagtesten Manufakturen aus unterschiedlichsten Branchen" angehören, erzählt Gundlack, nennt Glashütte, den Sportwagenbauer Wiesmann und den Schreibwarenhersteller Faber-Castell. "Und meine kleine Schuhmanufaktur aus Parchim ist dabei, ist doch irre. Oder?"

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