Flüchtlinge in MV : Zeit der Hilfsbereitschaft, statt des dumpfen Hasses

Erwartungsvolle Blicke und viele Fragen prägten die Atmosphäre der Einwohnerversammlung.  Fotos: Thorsten Meier
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Erwartungsvolle Blicke und viele Fragen prägten die Atmosphäre der Einwohnerversammlung.

Zarrentiner Mehrheit will Flüchtlingen offensichtlich helfen, auf fremdem Boden schnell Fuß zu fassen

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05. November 2015, 21:00 Uhr

Wer an diesem Mittwochabend  Ablehnung statt Willkommenskultur  im Refektorium des Klosters erwartete, war schlichtweg  auf dem Holzweg. Und das, obwohl auch  dumpfer Flüchtlingshass in der Schaalseestadt oder deren nähere Umgebung  längst eine Heimstatt gefunden zu haben scheint. Anders ist  nicht erklärbar, dass verängstigte Menschen aus Syrien, Eritrea und Mauretanien in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober in ihrer vom Landkreis angemieteten Unterkunft gegen 2.30 Uhr unliebsamen Besuch erhielten. Fünf bis sechs Vermummte  schlugen bei ihnen etliche Scheiben ein und riefen Hetzparolen.

„Die 14 erwachsenen Menschen und das dreijährige Kind waren nach diesem feigen Anschlag so etwas von eingeschüchtert. Ihre Blicke sprachen Bände. Sie haben niemanden etwas getan, suchen nur Sicherheit und haben mehr Angst, als wir“, berichtet  Bürgermeister Klaus Draeger ein wenig fassungslos den etwa 70 Einwohnern, die seiner Einladung zu einer Informationsveranstaltung gefolgt sind. Und stellt klar: „Das war eine verabscheuungswürdige Tat und hat nichts mit Zarrentin und seinen Einwohnern zu tun.“

Am 9. Oktober seien die Flüchtlinge nach Zarrentin gekommen. „Sie wollen Deutsch lernen, ruhig sowie  vernünftig leben und sich integrieren“, erzählt das Stadtoberhaupt weiter. Und freut  sich im selben Atemzug darüber, dass es in seiner Stadt auch bereits einen 30-köpfigen Helferkreis gäbe.  Ein Kennenlernkaffee  habe bereits stattgefunden sowie ehrenamtliche Deutschunterrichtsstunden. Draeger: „Ich weiß, dass es bereits viele private Hilfsangebote in unserer Stadt gibt und gegeben hat, die mich wirklich stolz machen. Als den Flüchtlingen jüngst das Geld knapp wurde und sie nichts mehr zum Essen kaufen konnten, hat Jürgen Bobsin, Inhaber des örtlichen Rewe-Marktes ohne zu zögern sofort geholfen und mehrere Kisten mit den benötigten Lebensmitteln gespendet.“ Die Hilfsbereitschaft vieler Zarrentiner sei enorm.

Gestern beispielsweise wurden die Flüchtlinge  auf Kosten der Stadt nach Ludwigslust über einen Fahrdienst transportiert, damit sie dort die benötigten Unterlagen beantragen konnten. Zuständig für die Betreuung sei  übrigens Ramona Röpert von der Arbeiterwohlfahrt. Sie komme alle zwei Tage mit einem Dolmetscher nach Zarrentin, berichtet Kerstin Finger, AWO-Teamleiterin und zuständig für die dezentrale Unterbringung von derzeit über 1930 Flüchtlingen in 14 Orten des Landkreises Ludwigslust-Parchim.

„Hinter dem, was Klaus Draeger gesagt hat, steht die gesamte Stadtvertretung geschlossen“, betont Hermann Cechini als  Vize-Bürgermeister. Matthias Draeger von den Bürgernahen fasst zusammen, was viele Einwohner denken: „Zarrentin ist eine weltoffene Stadt. Das kann und darf nicht anders sein.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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