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"Würger" aus Brenz muss für Jahre ins Gefängnis

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erstellt am 09.Aug.2013 | 12:13 Uhr

Hagenow/Neu Brenz | Silvio S. schnauft, als er das Urteil hört. Drei Jahre und sechs Monate muss er ins Gefängnis, weil er seine damalige Freundin am 2. Februar 2013 so stark würgt, dass diese das Bewusstsein verliert.

"Es ist dem Zufall zu verdanken, dass die Zeugin überlebt hat", so die Staatsanwältin gestern im Hagenower Gerichtssaal. Den Hals zuzudrücken, sei schon gravierend. Die Folgen hätte er nicht einschätzen können. Es sei zwar Spekulation, aber was wäre gewesen, hätte das Opfer das Telefon nicht gefunden? "Ich habe lange überlegt, ob wir wegen eines versuchten Tötungsdeliktes verhandeln sollten", sagt sie in ihrem Plädoyer am fünften Verhandlungstag. Sie habe schließlich davon abgesehen, weil der Angeklagte irgendwann von seinem Opfer abgelassen hat.

Silvio S. starrt aus dem Fenster, zu Boden, kaut auf seinen Lippen, während Anwälte und Richter sprechen. Bei der Urteilsverkündung muss er schlucken, zieht die Augenbrauen hoch, schaut zu seiner Mutter im Zuschauer-Raum. Neben ihr seine Ex-Freundin. Die Frauen sind zusammen angereist, tuscheln zwischendurch.

Immer wieder das gleiche Muster: Gewalt gegen die Freundinnen, deren Mütter und neuen Männerbekanntschaften. Silvio S. ist wegen eines ähnlichen Vorfalls zu zwölf Monaten verurteilt worden. Richter Rehbein sieht sogar eine "steigende Unrechtsintensität - kurz vor einem Tötungsdelikt". Deshalb das Urteil. Deshalb ohne Bewährung.

Der Verteidiger sieht das anders. "Die Schuld konnte nicht nachgewiesen werden", sagt er. Der Notarzt hätte keine Verletzungen bei der jungen Frau festgestellt. Und eine Bewusstlosigkeit könne man auch vortäuschen. Hinzu kämen die Aussagen der Zeugin - sprunghaft und widersprüchlich. Sie zeige Silvio S. an, ziehe dann wieder alles zurück, weil sie und die Mutter ihm nur eins auswischen wollten. "Das macht sie unglaubwürdig." Genauso vor Gericht und bei der Polizei: Erst soll er einmal gewürgt haben, dann wieder zweimal. Mal hat sie um Hilfe geschrien, mal konnte sie nicht. Erst verweigert sie die Aussage vor Gericht, dann redet sie doch. "Wenn da keine Belastungstendenzen zu erkennen sind, weiß ich auch nicht", sagt der Anwalt. Wahrscheinlich habe die Zeugin ein schlechtes Gewissen, ob sie ihn wirklich so stark belasten sollte, mutmaßt der Verteidiger. Auch die Sachverständigen hätten nur Vermutungen angestellt. "Wir wissen alle nicht, was passiert ist. Im Zweifel für den Angeklagten." Deshalb fordert er Freispruch.

"Mit halbem Bein im Tötungsvorsatz"

Die Staatsanwältin hat "keinen Zweifel daran, dass das Opfer die Wahrheit sagt". Die Aussagen seien im Einklang mit den Gutachten der Sachverständigen. "Ich sehe nicht, dass sie auf den Putz haut, um den Angeklagten ans Messer zu liefern." Für Silvio S. spreche dagegen, dass er "spontan gehandelt" hat, "alkoholbedingt enthemmt" war und durch die "temperamentvolle junge Frau gereizt" wurde. "Damit will ich nicht sagen, dass sie die Tat provoziert hat."

Für Richter Rehbein ist Silvio S. "mit halbem Bein im Tötungsvorsatz". Er hegt nicht den "leisesten Zweifel", dass es sich so zugetragen hat. Die Schilderungen vom Angeklagten seien dagegen nicht ansatzweise lebensnah: Rötungen vom harten Sex, Bewusstlosigkeit durch Asthma... Es gebe eindeutige Tatspuren, Befunde und keine Anhaltspunkte, dass das Opfer etwas vorgetäuscht hat. Zudem belaste ihn die versuchte Einflussnahme auf die Zeugin. Und es sei nicht das erste Mal, dass Silvio S. sich solchen Vorwürfen stellen muss. "Würgen ist nicht ohne", sagt Rehbein. Genauso wie jegliche Angriffe auf Kopf und Hals.

Der Richter empfiehlt dem Neu Brenzer, die Zeit in der Haft zu nutzen. Dort gebe es Möglichkeiten, an seinen Problemen zu arbeiten. Damit meint er weniger den Alkohol. Silvio S. sollte schauen, wie er künftig mit Kränkungen seines männlichen Egos umgeht.

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