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Ludwigslust-Parchim : Wolf im Visier des Kreistages

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Fraktionen diskutieren über Für und Wider der Wiederansiedlung. 100 Prozent Zuschüsse für Abwehr und Schadensersatz gefordert

von
erstellt am 03.Mär.2017 | 20:55 Uhr

Der Wolf ist zurück in Deutschland, siedelt sich selbst wieder an, nach über 100 Jahren Abwesenheit. 1904 soll der letzte graue Räuber in Sachsen erlegt worden sein. Seitdem galten die Tiere hierzulande als ausgerottet. Einige Zeitgenossen empfangen ihn mit offenen Armen, andere würden ihm am liebsten mit der Flinte heimleuchten. Das Raubtier polarisiert. Seine Wiederansiedlung wird seit Monaten kontrovers diskutiert. So auch am Donnerstagabend im Kreistag.

Die Allianz Bauern und ländlicher Raum bringt die Sprache auf den geliebt-gehassten Isegrim. Besonders die schmale Entschädigung betroffener Nutztierhalter prangert Hans-Jürgen Michalska an. „Die Regierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern wird aufgefordert, die Zuschüsse für Maßnahmen zur Verhinderung von Wolfsübergriffen in Nutztierbestände von derzeit 75 Prozent deutlich zu erhöhen. Insbesondere im Gebiet unseres Landkreises

Ludwigslust-Parchim liegt der Bestand der Tiere weit über dem Landesdurchschnitt. In den zurückliegenden Jahren war eine ständig steigende Anzahl von Übergriffen auf Nutztierbestände zu verzeichnen. So wurden insbesondere Schafe, aber in Einzelfällen auch Rinder, Pferde und Gatterwild Opfer derartiger Attacken.“ Die Behauptung, die betroffenen Tierhalter würden für die entstandenen Verluste entschädigt, treffe nur zum Teil zu. So werde lediglich der aktuelle Schätzwert der Tiere entschädigt. Weitere Kosten wie zum Beispiel für die Wiederbeschaffung würden nicht berücksichtigt.

CDU-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Waldmüller geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert nicht nur eine 100-prozentige Entschädigung, sondern überdies bei der EU den Antrag zu stellen, den Schutzstatus für den Wolf zu ändern. „Derzeit haben wir leider keine Handhabe, in die Population eingreifen zu können. Die Diskussion um die Wiederansiedlung und der damit verbundenen wachsenden Probleme ist für mich auch keine Stimmungsmache. Aber der Wolf ist auch kein Kuscheltier.“ Der Unionspolitiker spricht sich dafür aus, erst einmal die Populationsstärke richtig festzustellen.

Umwelt, Piraten, Freie Wähler versuchen es gar damit, eine ganz schlimme Wahrheit in die Öffentlichkeit zu transportieren: „Rotkäppchen lügt! Der böse Wolf frisst gar keine kleinen Kinder oder Großmütter.“

Der Wolf sei eine heimische Wildart, die auf natürlichen Wege wieder in den Landkreis eingewandert sei, betont Gustav Graf von Westarp als Fraktionsvorsitzender. Er besitze nach internationalem, nach europäischem und nach deutschem Recht den höchsten Schutzstatus. Professor Ansorge, Abteilungsleiter Zoologie am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, habe dokumentiert, dass gerade mal ein Prozent der Beutetiere des Wolfes aus dem Bereich der landwirtschaftlichen Nutztiere komme.

„Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema der Wölfe. Begegnungen von Mensch und Wolf sind sehr seltene Zufallsbegegnungen und enden mit der Flucht des Wolfes. Äußerst seltene Zwischenfälle mit Wölfen in der Vergangenheit lagen entweder an Tollwuterkrankungen oder daran, dass Wölfe zuvor angefüttert worden waren. Dennoch können auffällige Wölfe, die z.B. die Nähe zum Menschen suchen, auch jetzt schon nach dem Bundesnaturschutzgesetz bejagt werden.“ Das Wolfsmonitoring der Landesregierung sei bereits sehr gut geeignet, um eventuelle Konfliktfälle zu vermeiden. „Die reflexhafte Forderung des Bauernverbandes nach noch mehr Geld zur Wolfsabwehr, beispielsweise für den Zaunbau, finden wir vermessen. Jetzt schon wird der Zaunbau mit 75 Prozent aus Landesmitteln, das heißt Steuermitteln, gefördert. Das ist sehr großzügig, zumal jeder Tierhalter für eine angemessene Einzäunung und Sicherheit seiner Tiere selbst verantwortlich ist.“ Petra Mannfeld, ebenfalls Umwelt, Piraten, Freie Wähler, bringt an diesem Abend die Absicht der Fraktion zum Ausdruck: „Wir werden gegen diesen Antrag stimmen.“

Hans-Jürgen Stier, Christdemokrat und Jäger, berichtet, dass in seinem Revier das Rehwild durch den Wolf schon erheblich dezimiert worden sei. „Der Wolf wird früher oder später ein Problem. Ich hoffe nur, dass die Politik rechtzeitig darauf reagiert.“ Derzeit erlebe er viel Blauäugigkeit in der Diskussion. Detlev Hestermann von der SPD macht schließlich den Vorschlag, den Beschluss in den Ausschuss ländlicher Raum und Landwirtschaft zu verweisen, da es offensichtlich noch Beratungsbedarf gäbe. Mit 30 Ja-Stimmen, 29-Nein-Stimmen und einer Enthaltung stimmen die Abgeordneten ab. Der Kreistag hat somit nun den Wolf im Visier, wird sich mit ihm demnächst wohl noch mal befassen müssen.

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