zur Navigation springen

EC dank Xavier gestrandet : „Wo sind wir hier gelandet? In Pritzier?“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Hunderte Fahrgäste des bei Pritzier gestrandeten Eurocity nach aufwendiger Evakuierung gerettet. Rettungsaktion in Ludwigslust. Vergessener Zug in Boizenburg

von
erstellt am 06.Okt.2017 | 19:50 Uhr

Es war kurz nach Mitternacht als die Bergungsteams die letzten Fahrgäste aus dem bei Pritzier gestrandeten Eurocity holten. „Danke!!!“ schrieb dazu Heike Beilken, eine Frau aus dem Zug gestern an die Feuerwehr. „Geben Sie meinen Dank gern weiter. Ich werde es jedem erzählen, was für tolle Menschen im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause sind.“ Stunden zuvor hatte es für Lars Flaegel vom gleichnamigen Gadebuscher Busunternehmen demonstrativ Beifall gegeben, als er von Pritzier aus den ersten Bus mit mehr als 70 Fahrgästen in Richtung Hamburg steuerte.

Vorausgegangen war eine extrem aufwendige Evakuierungsaktion der mehr als 200 Fahrgäste des Zuges. Der sollte wegen des Sturmes eigentlich im Bahnhof Pritzier halten und warten. Doch dazu kam es nicht mehr. Bei Kilometer 201,8 blieb der Zug vor umgestürzten Bäumen stehen. Relativ schnell war klar, dass die Menschen sicher evakuiert werden müssen. Einsatzleiter Uwe Pulss, nebenbei auch noch Kreiswehrführer, bot am Ende 51 Mann der umliegenden Feuerwehren und des Katastrophenschutzes auf, um die Menschen mit aufkommender Dunkelheit auf freier Strecke aus dem Zug zu holen. Keine Straße in der Nähe, verschlammte Wege und kein Gebäude zur Unterbringung in Sicht. Dazu, der andere Stress der Feuerwehren mit umgestürzten Bäumen. Dennoch war schnell Hilfe bei den Zuginsassen.

Zunächst herrschte Ratlosigkeit, weil sich Bundespolizei als auch die ersten Kräfte des Katastrophenschutzes mit ihren Autos fast festfuhren. In der Not räumten die Einsatzkräfte einen großen Lkw mit Allradantrieb und Laderampe leer. Auf den wurden die Fahrgäste gebracht und zum gut 1000 Meter entfernten Bahnhof Pritzier gebracht. Dort hatten die Wehren eine Art Umverteilungsstation eingerichtet. Die Fahrgäste stiegen in fünf Kleinbusse um, die dann zum Gasthof im nahen Dorf Pritzier gebracht wurden. Für diese Aktionen waren Wehren aus dem Umfeld bis nach Zarrentin zusammengezogen worden, denn nur wenige haben derartige Kleinbusse im Bestand.

Schubweise kamen so die gut 200 Fahrgäste im Gasthaus an und im großen Saal unter. Mitarbeiter des Versorgungszuges kümmerten sichanschließend mit warmen und kalten Speisen um die Fahrgäste. Kurz nach 22 Uhr tauchten die ersten von der Bahn gecharterten Busse auf, die dann entweder direkt nach Hamburg fuhren oder den Umweg über Büchen nahmen. Die Aktion, die gegen 16 Uhr begonnen hatte, endete schließlich erst kurz nach Mitternacht.

Die Fahrgäste waren durch die Bank dankbar und beeindruckt von dem Aufwand, der da betrieben wurde. Dennoch wussten viele nicht, wo sie waren. „Wo sind wir hier gelandet? In Pritzier? Wie schreibt man das? Ist das kurz vor Büchen?“, wurden die Betreuer immer wieder gefragt. Beklagt wurde die schlechte Internetversorgung, manch einer rannte ratlos mit seinem Handy hin und her. Etliche ließen sich aus Hamburg privat abholen, ab 21 Uhr waren die großen Straßen wieder frei. Doch die meisten blieben auf Hilfe angewiesen.

Einsatzleiter Uwe Pulss war am Ende froh, dass alles so geklappt hatte. „Aktionen dieser Art haben wir auch nicht jeden Tag. Es klingt zwar kitschig aber ich bin dennoch stolz auf alle Feuerwehrleute und Helfer im Kreis. Die haben alle gewühlt bis zum Umfallen. Und das bei zahllosen Einsätzen.“

Dennoch ging auch einiges schief. So im Boizenburger Bahnhof. Dort war gegen 15 Uhr ein weiterer Zug stehen geblieben. Doch diesen Zug, der im Bahnhofsbereich Boizenburg Halt machte, hatte bei der Bahn wohl niemand auf dem Zettel. Nach Zeugenberichten blieben die Fahrgäste hier sich selbst überlassen. Es gab wohl Versorgung im Zug und auch durch den nahen Kiosk, mehr passierte jedoch nicht. Die Bahn hatte offenbar die lokalen Behörden nicht informiert. Andreas Bonin, der Sprecher der Landkreises, bestätigte gestern auf Anfrage, dass der Kreis von diesem Zug mit 150 Fahrgästen erst in den frühen Morgenstunden erfuhr. Nach SVZ-Informationen wurden die Fahrgäste erst nach 7 Uhr mit Bussen abgeholt.

In Boizenburg selbst wussten weder Stadt noch Feuerwehren etwas von dem Zug. „Wir hätten bei allem Stress durch die anderen Einsätze sicher etwas organisieren können. Doch wir wussten von dem Zug nichts“, berichtete Gemeindewehrführer Bernd Buck.

In Ludwigslust lief es beim dort gestrandeten ICE mit 496 Fahrgästen anders. Dort waren die Behörden informiert worden und konnten am Ende auch Übernachtungsmöglichkeiten in einer Turnhalle organisieren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen