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Hagenower Kreisblatt

23. November 2017 | 19:54 Uhr

Schwanheide : Wo die Pferde husten sollen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Provinzposse der Bürokratie bedroht die artgerechte Haltung der Pferde in Neuendamm. Pferdehalterin soll Offenstall abbauen

svz.de von
erstellt am 22.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Fröhlich galoppieren die fünf Pferde über das Frühlingsgras der großzügigen Koppel in Neuendamm. In diesen Tagen dürfen sie nur eine halbe Stunde täglich am frischen Grün knabbern, sonst drohe ein Fruktanschock nach der langen Winterzeit, erzählt Verena Zeuner. Die Hamburgerin stellt seit zwei Jahren zusammen mit ihrer Tochter Maria ihre drei Isländerpferde in Neuendamm bei Anja Richter ein, die dort mit ihrem Mann wohnt.

Alle drei Frauen haben inzwischen ihren Wohnort wegen der Pferde hier in der Gegend gewählt, auch wenn es für alle „nur“ ein Hobby ist: Anja Richter und ihr Mann sind zwar aus Boizenburg, waren aber wegen ihrer Ausbildung lange in Frankfurt/Main und Hamburg. Vor zwei Jahren entschieden sie sich, zurückzukommen, weil sie den für die Pferdehaltung geeigneten Hof samt Koppel und dem darauf stehend Offenstall in Neuendamm erwerben konnten.

Da Anja Richter aber nicht wollte, dass ihr Pferd allein ist, gab sie eine Annonce auf, auf die hin sich die Zeuners meldeten. „In der Umgebung von Hamburg ist es so teuer, Pferde zu halten, das konnten wir uns für unsere drei nicht mehr leisten“, erzählt Maria Zeuner. Mittlerweile wohnt sie mit ihrem Mann im nur ein paar Kilometer entfernten Nostorf, ihre Eltern kaufen gerade ein Haus in Metlitzhof. „Jetzt wohnen wir da, wo andere Urlaub machen“, strahlen die beiden Frauen, die geradezu aufleuchten, wenn sie mit ihren Pferden umgehen.

Doch das Lachen könnte ihnen bald vergehen – Anja Richter ist es schon vergangen. Sie hat vom Bauamt des Landkreises Ludwigslust-Parchim (LUP) die Auflage erhalten, den Offenstall auf der Pferdekoppel abzubauen. Die Begründung: Der Stall würde im Außenbereich liegen und die Landschaft dürfe nicht zersiedelt werden.

„Doch dann können die Pferde nicht mehr artgerecht gehalten werden“, erklärt Anja Richter. „Die brauchen den Schutz des Stalls, wenn es lange regnet, aber vor allem auch bei großer Hitze und Sonneneinstrahlung“.

„Ja, da muss sich ein Pferdehalter vorher kundig machen, ob auf seinem Grundstück die Tiere artgerecht gehalten werden können“, sagt Andreas Wissuwa, Leiter des Bauamtes bei einem Telefongespräch mit der SVZ.

Auf den Einwand Anja Richters, dass der Stall schon acht Jahre unbeanstandet in Betrieb war, als sie ihn vor zwei Jahren zusammen mit Gelände erwarb, meint er: „Wer Diebesgut erwirbt, dem nimmt man das ja auch weg.“ Im Übrigen würde seine Behörde alle Gebäude, für die es wie für den Stall keine Baugenehmigung gebe, als geplante Vorhaben ansehen, so als ob sie noch nicht gebaut wären. „Wir können uns nicht dem Diktat des Tatsächlichen beugen“, so Wissuwa.

Anja Richter versteht auch nicht, warum der Stall, der schräg gegenüber von ihrem Wohnhaus steht, überhaupt als Außenbereich gilt. Auf der Satellitenkarte bei Google-Maps erschließt sich dem Laien dies nicht.

„Als Außenbereich gilt laut Bundesgesetz jede Ansiedlung, die weniger als acht Höfe hat“, erklärt Andreas Wissuwa. Das heißt, Anja Richter und jeder, der in so einer Art Siedlung lebt, kann sich grundsätzlich keine Tiere halten, die einen Stall brauchen.Wenn er kein Landwirt ist.

Den bürokratischen Wahnsinn macht eine Anweisung der Amtstierärztin für die Pferde vom Nachbarhof perfekt. Veterinärin Swantje Kuchenbuch hatte schon vor einiger Zeit die Nachbarn dazu verdonnert, einen Offenstall für ihre Pferde zu bauen, weil sie ohne nicht artgerecht gehalten würden. Auf dem Nachbarhof ist bis jetzt nichts passiert, vermutlich haben die Halter keine Baugenehmigung erhalten … „Solche Fälle, wo sich das Baurecht mit dem Tierschutz beißt, haben wir vielleicht zehn Mal im Jahr im Landkreis“, berichtet Andreas Wissuwa. „Doch das Baurecht gehört zum Eigentumsrecht und hat Vorrang vor dem Tierschutzrecht.“

Die vielen Gäste jedenfalls, die vor zwei Wochen zu Anja Richters Hochzeit aus ganz Deutschland anreisten, beobachteten entsetzt die schweren Hustenanfälle der Nachbarspferde und machten die SVZ darauf aufmerksam. Denn auch Pferde können sich erkälten, wenn sie im Regen stehen gelassen werden.


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