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Wittenburger Heimatstube : Wo die Geschichte ein Zuhause hat

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Der rüstige Senior Walter Hegenbart (78) kümmert sich seit 2008 um die Wittenburger Heimatstube mit ganz viel Herz und Leidenschaft. Momentan werden 2132 geschenkte Exponate gezeigt - das älteste ist ein Holzpflug.

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erstellt am 27.Feb.2013 | 09:56 Uhr

Wittenburg | Wenn Walter Hegenbart über die 2132 Exponate der örtlichen Heimatstube am Amtsberg erzählt, ist der 78-Jährige so richtig in seinem Element. Dann beginnen seine Augen zu leuchten. Dieser Mann lebt und liebt Geschichte und Geschichten, das spürt man in jedem seiner Worte und Gesten. Seit 1946 wohnt der im Böhmerwald Geborene in Wittenburg. Die Vertreibung aus dem Sudenland habe ihn hierher gebracht, berichtet der Senior, der von 1949 bis 1952 bei Heinz Lübbert das Handwerk des Stellmachers gelernt hat. Dieser Beruf entstand im frühen 19. Jahrhundert aus Rademacher und Wagner, also Experten, die Räder und Wagengestelle fertigten. Somit sind Hegenbart die typischen Werkzeuge wie Hobel, Stemmeisen, Zangen, Winkel und Dornen noch sehr geläufig. Ebenso wie die Hobelbank, außerdem die Schnitz- und Zugbank, die Arbeitsplätze eines Stellmachers schlechthin. Viele dieser die Arbeit erleichternden Dinge liegen und stehen heute unter den zahlreichen Ausstellungsstücken in der Heimatstube, dort wo die Geschichte des letzten Jahrhunderts schlummert.

"Es sind alles Schenkungen von Wittenburgern aus nah und fern. Das älteste Stück ist ein hölzerner Pflug, er hat mehrere hundert Jahre auf dem Buckel", erzählt der Stellmacher-Meister a. D., der einst auch technischer Leiter beim Konsum-Süßwaren war und als Vorsitzender der PGH für das Sattler-, Polsterer- und Dekorationshandwerk fungierte. Vor ihm im Eingangsbereich steht auch die kleinste Schrotmühle, die er je gesehen habe. Sie sei 1946/47 aus der Not heraus entstanden. "Selbst das kleinste Getreidekorn wurde damals noch geschrotet, um es zu essen", weiß Hegenbart, und demonstriert die Handhabung des selbstgebauten Gerätes.

An einer der vielen Glasvitrinen zeigt der engagierte wie agile Senior auf ein Flugblatt und hat auch gleich die passende Geschichte parat: "Es ist ein Unikat, weil es kein zweites mehr gibt. Wilhelm Mielens, 1905 geboren, hat es 1944/45 an der Front in Ostpreußen gefunden und ganz klein zusammengefaltet in der Kapsel seiner Taschenuhr versteckt. Erst 1980, nachdem er gestorben war, fand der Erbe, Eduard Koberstein, das Dokument in der Uhr. Wenn die Wehrmacht Mielens damals mit dem Flugblatt erwischt hätte, wäre er sofort an die Wand gestellt worden."

Fast zu jedem Exponat weiß Walter Hegenbart etwas Spannendes, Unterhaltsames oder Wissenswertes zu erzählen. Doch bei einigen Ausstellungsstücken muss auch er sich ratlos am Kopf kratzen. "Das hier zum Beispiel, was ist das?", fragt er und klappt einen Holzkasten auseinander, in dem rostige Eisenfedern zwei Platten fixieren. Er vermute, dass darin früher einmal etwas gepresst worden sei.

Jeden ersten Sonnabend im Monat von 9 bis 11 Uhr werden in der Heimat stube Spenden entgegengenommen. Sprich also weitere Zeitzeugen der wechselvollen Stadthistorie. Jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr können Besucher sich die Sammlung anschauen. Den Grundstein dafür legte übrigens Gerda Bräunel im Jahre 2006. Sie habe angeregt, eine Heimatstube zu gründen und der örtliche Kulturverein habe die Idee aufgegriffen. 2007 sei der Öffentlichkeit das Sammelsurium erstmals präsentiert worden. "Seitdem reißt das Interesse bei Einheimischen wie Touristen nicht ab", freut sich Walter Hegenbart und wuselt wieder durch die knapp 100 Quadratmeter großen Räumlichkeiten, dort, wo die Geschichte ein gutes Zuhause hat.

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