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Unesco-Flusslandschaft Elbe : Willkommen im Biosphärenreservat

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Klaus Jarmatz will den Unesco-Status der Flusslandschaft Elbe behalten, weil er die Natur und Landschaft schützt, Besucher zum Erholen einlädt und Geschichte bewahrt. Wir sprachen mit dem Leiter des Biosphärenreservates.

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2013 | 11:06 Uhr

Vier | Vom Aussichtsturm "Elvkieker" fällt der Blick auf das weite Tal der Elbe. Der breite Strom bestimmt das Panorama, seine wechselnden Wasserstände den Naturraum und das Leben der Menschen. Einige befürchten, nachdem der "Eiserne Vorhang" endlich gefallen war, hier, auf dem Elbberg im Boizenburger Ortsteil Vier, in absehbarer Zeit wieder vor Schildern zu stehen, die das Betreten verbieten und reden von einer drohenden "Grünen Grenze". Argumenten, wie diesen kann und will Klaus Jarmatz nicht folgen. Es soll, so sagt er, ein erlebbares "Grünes Band", sein, das niemanden ausgrenzt, sondern vier Eingangstore zu einer einzigartigen Landschaft miteinander verbindet.

Dietmar Kreiß sprach mit dem Leiter des Amtes für das Biosphärenreservat Schaalsee über einen Raum für Ruhe und Erholung, über Wasserlandschaften mit faszinierender Artenvielfalt und bedeutender Geschichte sowie über zwei Biosphärenreservate an Elbe und Schaalsee mit Unesco-Status.

Herr Jarmatz, ist die Elbregion auf einem guten Weg vom Naturpark zum Biosphärenreservat?

Klaus Jarmatz: Diesbezüglich sind wir bereits am Ziel. Bereits 1997 erfolgte die Anerkennung als Teil des länderübergreifenden Unesco-Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe, das sich über eine Länge von rund 400 Stromkilometern von Torgau an der sächsischen Grenze bis unterhalb von Lauenburg in Niedersachsen erstreckt und eine Größe von etwa 340 000 Hektar hat. Damit ist es das größte im Binnenland gelegene Biosphärenreservat in Deutschland. Im Übrigen bezeichnen Fachleute diese Auszeichnung gern auch als eine Art "Oscar" für ein Gebiet.

Warum braucht es eigentlich ein Biosphärenreservatsgesetz, wenn wir den "Oscar" doch schon haben?

Jetzt diktiert das Ziel den Weg. Wenn wir die Füße still halten und alles so lassen, wie es ist, verlieren wir wahrscheinlich bei der nächsten Überprüfung im Jahre 2017 diesen Titel. Wir wollen aber aus guten Gründen den Unesco-Status behalten. Er schützt einerseits seltene Tiere und Pflanzen, lädt andererseits Besucher zum Erholen ein und bewahrt nicht zuletzt bei uns ein Stück innerdeutsche Geschichte, die niemals in Vergessenheit geraten sollte. Die Ziele des Biosphärenreservats gehen also weit über den Schutz von Natur hinaus. Intention des Gesetzgebers ist es, Chancen für ein ausgewogenes Miteinander von Mensch und Natur zu nutzen und gleichzeitig Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung der Region zu eröffnen. So finden sich im Entwurf des Biosphärenreservatsgesetzes eine Reihe von Paragrafen mit Aussagen zu regionalen Belangen, zur Förderung der regionalen Entwicklung, zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit aller Akteure im Gebiet und zur Einwerbung von Fördergeldern. Aber auch die gebietsbezogene Information, Umweltbildung und Forschung sollen zu den gesetzlich verankerten Zielen des Biosphärenreservats gehören. Für die touristische Entwicklung des Gebiets hat das Biosphärenreservat bereits nachweisbar neue Impulse gegeben.

Wie erklären sie sich die magnetische Wirkung auf Touristen?

Zum einen ist das Unesco-Siegel grundsätzlich positiv besetzt. Und dann lockt die Elbe: Sie ist Deutschlands drittgrößter Strom und einer der letzten naturnahen Flüsse Mitteleuropas. Sie macht es Neugierigen oft sehr leicht, ihn zu entdecken, sei es zu Fuß oder per Fahrrad, denn die flankierenden Wege sind gut ausgebaut. Eine Vielzahl Pflanzen und Tiere, darunter auch viele bedrohte Arten, leben hier. Der Elbebiber fühlt sich wieder heimisch, zu sehen sind Kranich, Seeadler, Weiß- und Schwarzstorch. Ob Winterkälte mit Eisgang, Frühjahrshochwasser, Sommertrockenheit oder Novembernebel, der Wechsel der Wasserstände, des Lichtes, die Pflanzen- und Tierwelt sowie die idealen Erholungsmöglichkeiten in der Natur, mit all dem vermag die Region zu punkten. Da erfreuen sich beispielsweise die geführten naturkundlichen und historischen Wanderungen mit den Rangern durch die Heide, den Poldern und entlang des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens einer genauso großen Beliebtheit, wie die Schiffstouren durch das Dreiländereck und das Laubfeuer im Dammereezer Park. Das sind nur ganz wenige Beispiele aus einem umfangreichen Veranstaltungsangebot, das wir dank vieler Partner präsentieren können.

Was bleibt denn nun für die Titelverteidigung noch zu tun?

In erster Linie geht es um die notwendige rechtliche Sicherung und damit verbundene erforderliche Zonierung. Von dem rund 40 000 Hektar großen Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe MV werden etwa 32 000 Hektar als Entwicklungszone ausgewiesen. Dieser Schutzstatus entspricht in etwa dem des jetzigen Landschaftsschutzgebietes und dient vorrangig der Umsetzung einer nachhaltigen Regionalentwicklung.

Die Pflege- oder auch Pufferzone, die in etwa 17 Prozent des Biosphärenreservates ausmacht, dient der Erhaltung von Ökosystemen, die durch Nutzung entstanden oder beeinflusst sind. Ziel ist es, hier vor allem extensiv genutzte Kulturlandschaften zu erhalten, Heide muss also Heide bleiben. In den Kernzonen, die nur rund drei Prozent umfassen, soll sich die Natur vom Menschen möglichst unbeeinflusst entwickeln. Im Gesetz werden hierfür vorerst größere Suchräume festgelegt, die sind überwiegend auf landeseigenen Flächen, wie etwa auf dem Truppenübungsplatz Lübtheen. Ein Teil des Polders Blücher und des Vierwaldes befindet sich ebenfalls in einem solchen Suchraum.

Also gibt es doch Grenzen für den Menschen?

Die Erhaltung empfindlicher Ökosysteme mit besonders gefährdeten Tier- und Pflanzenarten ist unser aller Anliegen. Natürlich müssen dazu in besonders sensiblen Bereichen Kompromisse geschlossen werden. Der Begriff "Biosphärenreservat" ist aus meiner Sicht hierfür eine gute Erklärung. Er setzt sich näm-lich zusammen aus "Biosphäre", also dem von Lebewesen bewohnten Teil der Erde und "Reservat", das lateinisch reservare bedeutet und so viel heißt wie bewahren, retten. Es geht um ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur und darum, neue, modellhafte Wege zu gehen, um auch für kommende Generationen eine lebenswerte Welt zu bewahren. Das sollten wir, wie ich finde, eigentlich alle wollen.

Glauben Sie, dass das im Boizenburger Raum umsetzbar ist?

Warum soll hier nicht funktionieren, was in der Schaalseeregion bereits seit 15 Jahren Alltag ist und in 16 anderen Regionen Deutschlands für ein vorzeigbares Image sorgt. Einheimische und Touristen schippern unter Rücksichtnahme auf die Schutzzonen mit Segel- und Elektromotorbooten über den Schaalsee, in dem gebadet und geangelt wird, Jäger gehen ihrem Weidwerk nach, es wird auf ausgewiesenen Wegen gewandert, und Bauern betreiben auf Flächen mit Bodenwertzahlen von 40 bis zu 60 Punkten eine hochproduktive Landwirtschaft.

Woher rührt dann Ihrer Meinung nach die Skepsis an der Elbe?

Wahrscheinlich aus Informationsdefiziten und Halbwissen. Das Landwirtschafts- und Umweltministerium ist bei diesem Gesetz einen völlig neuen Weg gegangen, in dem es den Entwurf noch vor den Beratungen in Kabinett und Landtag in der Öffentlichkeit diskutierte. Diese frühzeitige und umfangreiche Einbeziehung aller Beteiligten ist auch für unser Amt eine völlig neue Erfahrung. Inzwischen haben wir mit den Bürgermeistern der jeweiligen Ämter, der Forstverwaltung, den Angelverbänden, dem Jagd-, Bauern- und Tourismusverband sowie mit Naturschutzverbänden und weiteren Interessenvertretern intensiv gesprochen. Aus unserer Sicht ist es aber durchaus verständlich, dass es noch bei etlichen Bürgern verschiedene Unklarheiten gibt. Demnächst informieren wir mit unserem Informationsblatt "Biosphärenreservat aktuell" alle Haushalte über den aktuellen Stand. Des weiteren ist die eigentliche Öffentlichkeitsbeteiligung im Gesetzgebungsverfahren ja noch gar nicht erfolgt. Wir sind und bleiben weiterhin für Gespräche bereit.

Was wäre, wenn das Gesetz den Landtag passiert?

Die Region würde auch zukünftig den Unesco-Status behalten, und die Biosphärenreservatsverwaltung stände als zusätzlicher Dienstleister zur Umsetzung gemeinsam mit den Akteuren der Region entwickelten Ziele und Projekte zur Verfügung.

Würden Sie bitte Beispiele nennen?

Wir wollen die Biosphärenreservate Schaalsee und Flusslandschaft Elbe vernetzen und so ihre Kräfte bündeln. Mit dem "Pahlhuus" gibt es in Zarrentin bereits ein Informationszentrum, auch in Schlagsdorf kann im "Grenzhus" eine Ausstellung besichtigt werden, in beiden Orten liegen übrigens Konzepte für eine Ausstellungserneuerung vor. An der Elbe existieren solche Informationszentren noch nicht. Um der internationalen Anerkennung durch die Unesco gerecht zu werden, sind in Dömitz und Boizenburg als östliches und westliches Eingangstor zum Biosphärenreservat vorgesehen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt unterstützt die Planung und zum Teil auch deren Realisierung. Während wir die Besucher in Dömitz im Zeughaus der Festung begrüßen wollen, würden wir in Boizenburg gern im Frühjahr 2015 auf dem Elbberg eine Ausstellung eröffnen. Alle vier Standorte sollen dann neben ihren thematischen Ausstellungen attraktiv füreinander werben. Nach dem Um- bzw. Neubau der vier Eingangstore gehen wir davon aus, bis zu 150 000 Besucher im Jahr direkt zu erreichen. Das verknüpfende Ausstellungselement ist das eingangs erwähnte grüne Band, an dem wir auch unsere Partnerbetriebe zur Seite haben. Derzeit gibt es in der Region Schaalsee mehr als 80 von ihnen. Im Unesco-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe MV wurde dieses Konzept 2011 mit acht Partnern begonnen, sechs weitere sind bereits zertifiziert worden.

Wohin können sich Interessierte wenden, die weitere Fragen zum Thema haben?

Gern beantworten wir diese in der Außenstelle des Amtes für das Biosphärenreservat in Vier. Hier steht vor Ort als Gesprächspartnerin die Dezernatsleiterin Anke Hollerbach zur Verfügung.

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