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Einzige Bisonherde in MV : Wilder Westen in Zührer Prärie

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Bisonzüchter Marcel Schulz verzeichnet einen ersten Erfolg mit dem kleinsten Mitglied der Herde - einem Bullenkalb. Er will in den nächsten Jahren eine vermarktungsfähige Herde aufbauen.

svz.de von
erstellt am 14.Nov.2011 | 10:55 Uhr

Zühr | Die Erde bebt, als die tonnenschweren zotteligen Kolosse losrennen zu ihrer abendlichen "Tobe-Runde". Ihr Schnaufen im Licht der untergehenden Herbstsonne zieht den Betrachter schnell in den Bann. Wie in der nordamerikanischen Prärie - und doch auf einem Gehöft in Zühr - blickt Marcel Schulz in die Ferne zu seiner Bisonherde. Er erzählt von Kindheitserinnerungen an die Wildwestfilme mit Cowboy und Indianer und von seiner Idee, diese exotischen Tiere nach Mecklenburg-Vorpommern zu holen.

Seit über einem Jahr leben die vier Zucht-Bisons, ein Bulle und drei Weibchen, auf dem Hof der Familie Schulz. Mit erstem Erfolg. Das kleinste Mitglied der Herde ist vor vier Wochen zur Welt gekommen. Allerdings wird das Bullenkalb nicht lange bleiben, denn Marcel Schulz will seine Herde vergrößern, um begehrte Produkte wie das Fleisch, Fell und den Kopf zu vermarkten. Dafür tauscht er den Nachwuchs im nächsten Jahr gegen Weibchen, damit kommenden Herbst "hoffentlich viele Kälber" im Gehege umherspringen.

"Es sollte etwas Exotisches sein", begründet der 32-jährige gebürtige Zührer sein Hobby, mit dem er in ein paar Jahren Geld verdienen möchte. Es wäre schade gewesen, 20 Hektar Land nicht selbst zu nutzen. Und für die reine Landwirtschaft sei diese Fläche einfach zu klein. So schaute Marcel Schulz, was es für außergewöhnliche Tierarten gibt, die unter den gegebenen Bedingungen gehalten werden können. "Bisons sind robust und bleiben auch bei Minus 30 Grad noch draußen", begründet er seine Wahl - an der auch die Lieblings-Western aus Kinderzeiten nicht ganz unschuldig seien. Außerdem sei das Fleisch äußerst schmackhaft und gesund. Der hohe Selen-Anteil sorge dafür, dass sich keine Giftstoffe im Körper einlagern können. Ein Fettanteil von weniger als drei Prozent und der geringe Cholesteringehalt würden ebenfalls für diese Delikatesse sprechen.

Zutraulich hinter dem Hochsicherheitszaun

Zehn Tiere möchte der einzige Bisonzüchter in Mecklenburg-Vorpommern 2012 auf der Weide zählen - "wenn alles optimal läuft". Dass die Züchter in Deutschland dafür Tiere untereinander tauschen, liege schlichtweg an den wenigen Blutlinien, die noch existieren. "Die Bisons wurden damals fast ausgerottet, als man den Indianern die Lebensgrundlage nehmen wollte", sagt Marcel Schulz, während er seinen Bullen mit etwas Kraftfutter anlockt. Auch wenn diese Wildtiere mit dem mächtigen Kopf nie ganz zahm werden, so kommen sie doch zutraulich zu ihrem Halter getrottet. Zwischen ihnen ein Sicherheitszaun aus Betonpfählen und mehreren 2,5 Millimeter starken Stahldrähten. "Die haben jeweils eine Reißkraft von mehreren Tonnen", erklärt der Züchter. Ein Elektrozaun tut sein Übriges.

Dass er mit dem Bau dieses Sicherheitstraktes die Neugierde seiner Nachbarn weckte, lässt ihn heute schmunzeln. "Ich wurde gefragt, ob ich Elefanten züchten wolle." Als dann die Bisons auf der Weide standen, reagierten die Anwohner mit Respekt. Denn obwohl viele in der Umgebung selbst Rinderbauern sind oder waren, so habe ihnen der Bison als Wildtier doch imponiert. "Er lässt sich eben nicht wie ein Rind an die Führleine nehmen." Mittlerweile seien aber alle beruhigt. "Sie haben sich an die Tiere gewöhnt und gemerkt, dass sie ganz unkompliziert sind."

Auch seine Freundin Susanne Brandt und seine Eltern stehen voll hinter dem Vorhaben von Marcel Schulz. "Erst dachte ich, das wäre nur eine fixe Idee", sagt Susanne Brandt und lacht. Dann sei es Schritt für Schritt ernst geworden. Dass sich die Investitionen von heute schon in wenigen Jahren rechnen könnten, davon ist ihr Freund überzeugt. "Man kann alles verwerten", sagt er. Für das Kilogramm Fleisch gebe es etwa 25 Euro. Bei 600 Kilogramm pro Tier käme da schon etwas zusammen. Für den Kopf legen Liebhaber sogar bis zu 2000 Euro auf den Tisch. Und mehrere 100 Euro gebe es noch fürs Fell.

Doch dem 32-Jährigen kommt es nicht rein auf den Profit an. "Nach der Arbeit kann man hier schon mal zwei Stunden stehen und die Tiere einfach nur beobachten", schwärmt der junge Mann, der täglich als Filialeinrichtungsmanager in Norddeutschland unterwegs ist. Für ihn ist es ein Ausgleich zum Job. Aus Zühr wollte er nie weg, von dem Hof, den sein Urgroßvater 1939 übernommen hatte und der nach der Wende wieder in Familienbesitz überging. "Ich lebe gerne hier und brauche etwas zu tun. Nur auf der Couch sitzen, das kann ich nicht." Und so steht der Züchter wie ein Cowboy mit Basecap und Arbeitsjacke in der Zührer Prärie und blickt auf seine Bisonherde, die stetig weiter wachsen soll.

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