Ludwigslust-Parchim : Wer bestellt, der muss auch zahlen

Der Sternberger Betriebsteil vom VLP hat 19 Busse. Die fahren überwiegend im Schülerverkehr.
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Der Sternberger Betriebsteil vom VLP hat 19 Busse. Die fahren überwiegend im Schülerverkehr.

Kreis muss für Millionenloch bei Busbetrieben VLP aufkommen. Geschäftsführer: Finanzierung des Busverkehrs auf tönernden Füßen

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15. Juni 2017, 05:00 Uhr

Diese Baustelle hatte im Landkreis bisher niemand auf dem Zettel. Doch nun musste der Landrat dem Kreistag melden, dass die kreislichen Busbetriebe VLP in diesem Jahr mit 1,15 Millionen Euro in den Miesen stehen. Diese Summe wird nun aus dem Kreishaushalt beglichen.

„Wir haben keine Misswirtschaft betrieben, wir haben auch bei den Planungen nicht geschlafen“, erklärt Stefan Lösel, der Geschäftsführer der Busbetriebe, die Lage. „Wir haben vielmehr eine Mischung aus einer chronischen Unterfinanzierung vor allem durch das Land und einigen Sondereffekten, die zu dieser Zahl geführt haben.“

Und Lösel legt die Zahlen offen: Ein Kostenzusatz von 400  000 Euro geht auf die gestiegenen Dieselpreise, die VLP kaufen jährlich gut zwei Millionen Liter. Ein weiterer Anstieg geht zurück auf stark schwankende Schülerzahlen. So fehlen jetzt vor allem gut 200 Flüchtlingskinder, die einmal im Kreis eingeschult worden, inzwischen aber längst in die Metropolen abgewandert sind. Ein Fahrschüler kostet den Kreis in etwa 1000 Euro im Jahr. Geld, das dem VLP als Umsatz fehlt. Dazu kommen Tarifsteigerungen für die Busfahrer von jährlich etwa 2,5 Prozent. Gut die Hälfte aller Kosten sind Personalkosten in dem Unternehmen, das eigentlich gar kein Unternehmen sein kann. Denn im Kern schleppen die Busbetriebe ein strukturelles Defizit mit sich herum, derzeit sind das etwa 600 000 Euro im Jahr. Das Thema ist nicht neu, es ist nur bisher öffentlich nicht aufgetaucht. Denn in den Jahren zuvor wurden diese Defizite vor allem durch Preissteigerungen und Linienkürzungen aufgefangen oder am Ende über die Kosten der Schülerbeförderung ausgeglichen. Doch das geht nun nicht mehr. Auch weil Kürzungen nichts mehr bringen. Denn auch im Bundesvergleich hat der Kreis für „normale“ Fahrgäste sehr hohe Preise. So kostet die Monatskarte in der höchsten Preisstufe für den ganzen Kreis 176 Euro. Diese Karte wurde im vergangenen Jahr exakt zehnmal gekauft. Zum Vergleich: In diesem Jahr befördern die VLP 10 600 Schüler. Lösels Kommentar: „Wir haben doch kaum noch normale Fahrgäste, wir haben einen etwas aufgepumpten Schülerverkehr. Daher wollen wir doch den Rufbus einführen, damit die Bevölkerung auf dem Land erstmals ein Nahverkehrsangebot bekommt, das diesen Namen auch verdient.“

Christian Rosenkranz, CDU-Kreistagsmitglied und VLP-Aufsichtsratsvorsitzender, richtet massive Kritik an das Land: „Das Geld für den öffentlichen Nahverkehr geht ohne Hindernisse in die Metropolen des Landes währenddessen der ländliche Raum austrocknet. Wenn wir hier auf Dauer lebensfähig bleiben wollen, dann brauchen wir eine grundsätzliche Umstrukturierung der Finanzierung. Es muss dabei verlässlich mehr Geld vom Land kommen und keine Kürzungen, wie wir das derzeit haben. In Brandenburg geht das doch auch, das kann doch für Mecklenburg nicht falsch sein.“

Rosenkranz spielt auf die jährlichen Kürzungen der Landesmittel für den Schülerverkehr an, die um zwei Prozent pro Jahr sinken. Am Ende steht der Landkreis allein mit der Finanzierung da und ist überfordert. Rosenkranz: „Der Landkreis als Bedarfsträger muss entlastet werden, es geht den anderen Landkreisen doch auch so. Mecklenburg ist in Sachen flächendeckender Nahverkehr nicht nur durch die vielen Tarife ein Flickenteppich, wir sind Entwicklungsland. In den großen Städten brauchen wir uns nicht zu kümmern, dort läuft der Nahverkehr, wir brauchen Angebote auf dem Land.“

Auch ein Erfolg des Rufbus-Systems würde das Problem nicht lösen, weil der Kreis seine großen Busse weiter vorhalten muss, um die Schüler zu befördern. Der Modellversuch in der Region zwischen Parchim und Plau läuft gut, erst in dieser Woche gab es die 2000. Bestellung eines Rufbusses. Der zusätzliche Aufwand dort finanziert sich bisher durch die Dieseleinsparungen, weil große Busse nicht mehr fahren müssen.

Ändert sich an der aktuellen Finanzierungslage nichts, müsste der Landkreis auch im nächsten Jahr einige hunderttausend Euro als Ausgleich für die Busbetriebe einplanen. Auch Geschäftsführer Lösel sieht das Land in der Pflicht: „Ich kann hier nicht mehr viel machen, die Linien sind bestellt, die Fahrer müssen bezahlt, die Schüler befördert werden.“

Sein Chef Rosenkranz hat noch Hoffnung: „Ich würde mich freuen , wenn die neue Ministerpräsidentin den ÖPNV im Land zur Chefsache machen würde, denn das müsste er längst sein.“

Kommentar "Sollen wir alle in Schwerin wohnen?" von Mayk Pohle

Bist du mobil oder bist du es nicht? Das ist doch die entscheidende Frage geworden, wenn man auf dem Land lebt. Denn wer mobil ist, der kann sich auch zuverlässig versorgen, erreicht seinen Arzt usw. Bei dem Thema Busverkehr geht es also um nichts weniger als um die Zukunft des ländlichen Raumes. Insofern ist es gar nicht so schlecht, dass die schon seit Jahren bestehende Schieflage der öffentlichen Busunternehmen mal ans Tageslicht kommt. Nun kommt Druck ins System, und die Landesregierung muss sich mal grundsätzlich Gedanken machen, wie man das Problem in einem Flächenland löst. Unser Nachbar Brandenburg ist da löblicher Vorreiter, da darf man ruhig abgucken. Klar, kostet das alles Geld. Doch Nahverkehr ist kein Hobby von großen Jungs, die gerne Bus fahren. Öffentlicher Nahverkehr gehört zur Daseinsvorsorge, ansonsten blutet das flache Land weiter aus. Sollen wir künftig alle in Schwerin oder Rostock wohnen, damit wir mal Bus und Bahn fahren können?

Es ist doch schon schlimm genug, dass so lange nach der Wende immer nur aufs Auto gesetzt wird. Doch nicht jeder kann sich das leisten, auch den Führerschein bekommt man nicht hinterher geworfen. Und wir haben eine Bevölkerung, die schnell altert. Da schrumpft der Nahverkehr mal ganz schnell auf den Bereich zusammen, den man mit dem Rollator erlaufen kann.

Es ist folglich richtig, dass der Landkreis mit dem Rufbus-System die Flucht nach vorn antritt. Noch in diesem Jahr soll dieses System in großen Teilen des Landkreises ausgerollt werden. Das macht das Ganze zwar nicht billiger, erhöht aber das Angebot dramatisch.  Die künftige Landeschefin Manuela Schwesig  wäre klug beraten, sich dieses Thema auf den Tisch zu ziehen. Denn hiermit kann sie schnell im Land punkten.

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