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Gehbehindert in Boizenburg : Wenn jeder Meter zum Problem wird

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Die gehbehinderte Patrizia Liedel-Macintyre braucht in Boizenburg viel Zeit für die einfachsten Alltagsdinge

Patrizia Liedel-Macintyre musste lernen, den Dingen mit Gelassenheit zu begegnen. Deshalb berichtet sie von ihren Problemen als Gehbehinderte in Boizenburg auch ganz ruhig. Um so mehr gerät einem als Zuhörer das Blut in Wallung. „Weil es in Lübtheen und Neuhaus keinen Aldi oder Lidl und keinen Drogeriemarkt mehr gibt, fahre ich die 30 Kilometer nach Boizenburg zum Einkaufen“, erzählt Patricia Liedel-Macintyre aus Garlitz im Gespräch mit der SVZ. Denn, das darf man ruhig erwähnen, als Invalidenrentnerin muss sie jeden Euro zweimal umdrehen. Ihre durch Toxoplasmose in der Schwangerschaft zu 70 Prozent behinderte Tochter Jil arbeitet zwar 33 Stunden pro Woche als Altenpflegerin, aber dafür trägt sie am Monatsende auch nur 1  000 Euro nach Hause. Also sind Mutter und Tochter auf die Discounter in Boizenburg angewiesen.

„Und vor Markant sind seit Wochen jetzt die drei Behindertenparkplätze mit Verkaufsbuden erst für Spargel und jetzt für Erdbeeren belegt“, kritisiert die ehemalige Hamburger Busfahrerin. Wer nicht das Problem hat, zum Einkaufen erst einen Rollstuhl aus dem Auto bugsieren zu müssen und sich dann selbst da hinein zu hieven, ahnt kaum, welche Folgen das hat. Denn nun findet die Gehbehinderte kaum noch einen Parkplatz, der breit genug ist, um aussteigen zu können. Beziehungsweise ist die Angst groß, nach dem Einkauf nicht wieder einsteigen zu können. So wie es ihr in Hamburg am Eidelstedter Platz erging. Da gab es ebenfalls keinen Behindertenparkplatz, Patrizia Liedel-Macintyre parkte auf zwei normalen Parkplätzen, doch als sie zurück kam, war der Parkplatz neben ihrem Auto besetzt. Tochter Jil hat durch ihre Sehbehinderung keine Fahrerlaubnis, so dass sie auch nicht den Pkw aus der Parklücke zum Einsteigen herausfahren konnte. Eine halbe Stunde musste Patrizia Liedel-Macintyre in ihrem Rollstuhl im Regen warten, bis sich jemand fand, der ihr das Auto aus der Parklücke fuhr. „Im Winter steht auch immer irgend eine Bude auf den Behindertenparkplätzen von Markant, ehemals war das ja Sky, aber dann ist wenigstens noch einer frei“, so Patrizia Liedel-Macintyre.


Schlüssel für die Toilette nur bis 19 Uhr erhältlich


Doch damit nicht genug. Auch Behinderte müssen ab und an mal auf’s stille Örtchen, und dann muss es meistens sehr schnell gehen. „Ich habe einen EU-Schlüssel, der eigentlich für alle Behindertentoiletten in der EU passen soll“, berichtet die Garlitzerin. „Doch als ich letztens hier bei Markant auf die Behindertentoilette wollte, stellte ich fest, dass dieser Schlüssel nicht passt. Ich fragte herum, wie ich auf die Toilette komme und es stellte sich heraus, dass man sich den Schlüssel am Backstand holen kann. Bloß da war keiner mehr, es war nach 19 Uhr und um 19 Uhr machen die zu.“ Während dann Jil auf Einkäufe, Rollstuhl und persönliche Sachen aufpasste, half ein freundlicher Mann Patrizia Liedel-Macintyre, auf die normale Toilette zu kommen. Ein zeitaufwendiges und sehr unbequemes Abenteuer.

Einige Male habe sie versucht, den Filialleiter von Markant wegen dieser Probleme zu erreichen, so die Invalidenrentnerin, jedoch erfolglos.

„Sonst hat unser Hausmeister die Schilder für die Behindertenparkplätze immer versetzt, wenn die Buden aufgestellt wurden“, äußerte sich Jörn Riemel gegenüber dieser Zeitung. „Das hat er wohl diesmal vergessen.“ Doch eine der beiden Buden würde sowieso nur noch bis Sonnabend da stehen und dann abgebaut.

Die Erzählung von ungewollten Abenteuern in Boizenburg als Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer lässt sich leider fortsetzen. Als Patrizia Liedel letztens ins Kino wollte, musste sie feststellen, dass es vor dem Boizenburger Lichtspieltheater keinen Behindertenparkplatz gibt. Der nächste geeignete Parkplatz war zu weit weg und erforderte die Überquerung von Kopfsteinpflaster, so dass sie letzten Endes wieder abdrehte, ohne im Kino gewesen zu sein.

„Auch wenn ich zur Apotheke in der Klingbergstraße oder zum Optiker oder in die Buchhandlung möchte, muss ich über das Kopfsteinpflaster. Und die kleinen Lenkrädchen hier vorn am Rollstuhl verhaken sich da immer in den Zwischenräumen. Meine Tochter gerät jedes Mal in Panik, wenn dann ein Auto heranfährt und sie mich nicht weg von der Straße bekommt.“

Wie dieses Problem zu lösen ist, muss im Moment offen bleiben ...

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erstellt am 20.Jun.2017 | 05:00 Uhr

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