Geschichte : Wende im Amt Neuhaus begann in Stapeler Kirche

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Hans Ebeling war im November ‘89 LPG-Vorsitzender und hielt am 31. Oktober in St. Marien eine mutige Rede

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07. November 2014, 12:32 Uhr

Hans Ebeling wirft schriftliche Unterlagen nicht weg. Heute sind sie alle im PC gespeichert, früher hat er handschriftlich Vieles festgehalten. Und so befinden sich auf vier Seiten in seinem Fundus auch die handschriftlichen Notizen, die er sich für seine Rede in der Marienkirche in Stapel am 31. Oktober 1989 gemacht hat.

„Pastor Höpfner mit seinem Kirchenvorstand hatte für diese Veranstaltung die Kirche zur Verfügung gestellt. Für den Ablauf wünschte er sich, dass ich nach seiner Begrüßung einige Worte sagen sollte, um dann in einen Dialog, den er als Moderator leiten wollte, einsteigen zu können. Ich sagte zu, und bereitete mich darauf vor.
Zu der Zeit fanden überall in der DDR Demonstrationen und Protestveranstaltungen statt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es waren wohl 450 Personen zu dieser Veranstaltung gekommen. Äußerste Anspannung herrschte und wir stellten uns die Frage, ob das alles gut geht oder ob vielleicht die Polizei oder die Mitarbeiter des MfS eingreifen“, erinnert sich Hans Ebeling, der zu der Zeit der LPG vorstand.

„Mit dieser Veranstaltung wurde die Wende im Amt Neuhaus eingeleitet“, ist er sich heute sicher. Nach der Begrüßung hielt Hans Ebeling seinen Vortrag. „Es ist allerhöchste Zeit, dass sich in unserem Land etwas ändern muss, damit wir Menschen hier wieder gerne leben“, begann er seine Rede und stellte eine Reihe von Fragen: warum musste es soweit kommen, dass Zehntausende, vor allem junge Menschen das Land verließen, warum dürfte man kein eigene Meinung haben, warum dürfte man in der LPG mit den erwirtschafteten Einkünften nicht machen, was man wollte, warum musste es soweit kommen, dass es keine persönliche Freiheit, keine Reisefreiheit gab, dass wertvolle Lebensmittel im Schweinetrog landeten?

„Wer mit uns, dem Volk, arbeiten will, muss die Belange der Menschen beachten, muss wissen, dass der Mensch der Motor für alle irdischen Dinge ist und nur die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen zu hohen Leistungen im Staat führen kann.“

Er stellte in seiner Rede eine Reihe von Forderungen auf und setzte an das Ende seiner Rede das berühmte Zitat von Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Für eine Veränderung würden Menschen gebraucht, die dabei mitmachen. Einiges von dem hier Genannten könne auf Gemeindeebene oder in der LPG realisiert werden, das Meiste aber bedürfe Entscheidungen auf höherer Ebene.

Nach seiner Rede stellten sich Vertreter vom Rat des Kreises, der SED, der Volkspolizei und der Bürgermeister den Fragen der Bürger. „Viele Menschen redeten sich an disem Abend den Frust von der Seele“, so Hans Ebeling. Glücklicherweise sei alles ohne Zwischenfälle abgelaufen, denn im nachhinein wurde klar, dass die Kirche von Stasi-Leuten umstellt war und auch im Publikum wohl viele Stasispitzel gesessen hätten. Hans Ebeling erzählt von der großen Erleichterung in den Tagen danach, dass nicht doch noch jemand eingesperrt wurde. „Aber vielleicht ging das zu der Zeit auch nicht mehr,“ ist er immer noch froh und dankbar, dass es im November ‘89 friedlich mit der DDR zu Ende ging.

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