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Hagenower Kreisblatt

23. November 2017 | 04:53 Uhr

Boizenburg : Weltbahnhof mit Kiosk

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Dokumentarist Dieter Schumann und Kameramann Michael Kockot haben einen Film über den Boizenburger Bahnhof gedreht

svz.de von
erstellt am 05.Dez.2015 | 00:34 Uhr

Die Weltpolitik ist in diesem Jahr endgültig in Boizenburg angekommen. Täglich steigen hier Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Balkan aus den Zügen, und wollen weiter in die Erstaufnahmeeinrichtung von Mecklenburg-Vorpommern im zehn Kilometer entfernten Horst. Im Sommer und Herbst waren es bis zu 100 pro Tag. Auf dem Weg zum Bus oder Taxi laufen sie am Bahnhofskiosk vorbei, manchmal gehen sie auch hinein. Drinnen gibt es um den Kioskbesitzer Bernd Fischer eine Solidargemeinschaft aus Schichtarbeitern, Früh- und Altersrentnern, Taxifahrern, Automatenspielern und HSV-Fans. Hier drin wird seit Jahrzehnten getrunken, geraucht und debattiert.

Das Aufeinanderprallen dieser beiden Welten hat die bekannten Dokumentarfilmer Dieter Schumann („Wadans Welt“) und Michael Kockot („Große Potemkinsche Straße“) zu ihrem Streifen „Weltbahnhof mit Kiosk“ inspiriert.

Die beiden Filmemacher beziehen darin klar Haltung für Solidarität mit den Menschen, die vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung nach Deutschland geflohen sind. Aber während der mehrmonatigen Drehzeit sind dem ehemaligen DDR-Matrosen Schumann und dem gelernten Schlosser Kockot auch die Stammgäste im Bahnhofskiosk ans Herz gewachsen, erzählen sie im Gespräch mit der SVZ.

„Wir wollten mit dem Film auch denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden“, sagen die beiden Dokumentaristen. Das sind neben dem Kneipier Bernd Fischer z. B. der philosophierende Invalidenrentner Michael (52) aus Bayern, der seine Jugend in der geschlossenen Psychiatrie verbringen musste, durch eine Frau nach Boizenburg kam und zur Erleichterung seiner reichen Familie in München hier geblieben ist. Oder der polnische Physiotherapeut Wanja, der seine „Opfer“ auch schon mal umstandslos auf den Kneipenboden schmeißt, ums sie durchzuwalken. Es sind auch NPD-Anhänger unter den Gästen.

’Wir haben hier keine weißen Tischdecken wie die schicken Restaurants, aber wir sind füreinander da‘, habe ihm Kioskchef Bernd Fischer einmal im Gespräch gesagt, erzählt Dieter Schumann. Das Erste, was sie in dem Kiosk erlebt hätten, sei das Anzünden einer Kerze und das Rauchen einer Gedenk-Zigarette für eine, die nie mehr wieder kommen wird, gewesen. Das soziale Miteinander und der gegenseitige Halt der gesellschaftlich Gestrandeten hat die beiden Filmemacher sehr beeindruckt. Sie haben lange Stunden mit den Leuten im Kiosk verbracht. „Es gab aber irgendwann einen Punkt, wo es extrem schwierig wurde. Wenn wir auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen kamen, haben sie die Schotten dicht gemacht, die Leute wollen nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden“, erinnert sich Michael Kockot. „Aber der Kneiper hat die Fähigkeit, die Leute zusammen zu bringen. Stänkereien müssen an der Tür abgegeben werden“, ergänzt Schumann. „Während des Drehs entstand ein Vertrauensverhältnis, das wir auch im Film nicht verraten wollten. Wir wollten die Leute in ihrer eigenen Logik verstehen und zeigen.“

Viele im Kiosk fühlten sich von der Demokratie im Stich gelassen und gäben auch den Flüchtlingen daran schuld, so Schumann. „Das kommt gar nicht aus der rechten Ecke, sondern aus der tiefen Frustration von sozial Benachteiligten. Einer, dem acht Euro mehr Rente gleich wieder vom Wohngeld abgezogen werden, versteht nicht, wieso 20 Milliarden Euro für Flüchtlinge da sind.“ Diese Leute würden auf geflüchtete Menschen treffen, die auch vom Schicksal benachteiligt seien, aber die Energie hätten, immer wieder aufzustehen. Aber es gäbe Leute wie im Kiosk, die seien in einer Negativschleife gefangen, die sind so oft hingefallen, dass sie irgendwann keine Kraft mehr zum Aufstehen hätten, sind sich Schumann und Kockot einig.

Den Film wollte der NDR ursprünglich am Nikolaustag um 13.30 Uhr im Rahmen seiner Spendenaktion „Hand in Hand für Flüchtlinge in Norddeutschland“ zeigen, dann noch mal am 12.12 um 8.30 Uhr. Gestern sind die Sendetermine kurzfristig abgesetzt worden. Im Gespräch ist ein Dokumentarfilmsendeplatz am Spätabend, erklärte Dieter Schumann am Telefon.

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