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Hagenower Kreisblatt

18. November 2017 | 07:47 Uhr

Boizenburg : Wandel oder doch nur Niedergang?

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Investor und Immobilienbesitzer kritisiert Verödung der schön sanierten Boizenburger Altstadt und fordert ein radikales Umdenken

Er ist eigentlich Lüneburger, aber auch Investor und Immobilienbesitzer in Boizenburg. Klaus Mückel ist über die Jahre Insider und Auswärtiger zugleich. Und ihn stört der offenkundige Niedergang der Elbestadt. In Vorbereitung des Tages der Städtebauförderung schickte er uns folgenden Beitrag:

 

Wenn man als Auswärtiger in größeren Zeitabständen nach Boizenburg kommt, stellt man eine zunehmende Verarmung der schönen Altstadt fest. Diverse leere Schaufenster blicken einen an, der Wochenmarkt ist teilweise zu einem Ramschhandel verkommen, die verbliebenen Einzelhändler verbreiten nicht gerade Optimismus, am Museum könnte ein Viertel Eimer Fassadenfarbe hilfreich sein.


Ausgangslage ist gut


Landesplanerisch ist Boizenburg ein so genanntes Unterzentrum mit über 10  000 Einwohnern und weiteren 5  000 bis 6  000 Menschen in der Umgebung. Hier leben also circa 15  000 Konsumenten, die versorgt sein wollen mit den Gütern des täglichen, wöchentlichen und gelegentlichen Bedarfs. Werden sie in Boizenburg versorgt, finden sie das, was sie sich wünschen?

 

Boizenburg hat mit etwa sieben Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Mecklenburg. Die Einwohnerzahl ist stabil, die Gewerbeansiedlung ist erfolgreich. Zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiten als Pendler in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen, auch wegen der höheren Einkommen.
Viele Kleinstädte in Deutschland wären glücklich, wenn sie über ein derartiges Käuferpotential wie hier in Boizenburg verfügen könnten.

Aber es geht noch weiter. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Elbbrücke bei Neu Darchau je gebaut wird, wird wegen steigender Kosten immer geringer. Die Elbbrücke mit der Kanalbrücke bei Lauenburg bleibt also die Hauptzufahrt von Niedersachsen und Schleswig Holstein in den Landkreis Ludwigslust. Etwa 10  000 Autos fahren täglich an Boizenburg vorbei. Wie viele dieser Menschen könnte man zu einem Besuch der hübschen Altstadt einladen?

Ich habe ja ein gewisses Verständnis für die traditionelle Bedeutung der Fliesenwerke und für eine Tafel an der Abfahrt zur Altstadt, die auf die Fliesenstadt hinweist. Für Fliesen interessiert sich der Normalverbraucher allerdings nur, wenn er sein Badezimmer renovieren will. Mit dieser Werbetafel lockt man niemanden von der Bundesstraße!

Boizenburg ist in Mecklenburg die einzige Barockstadt mit einem Elbehafen. Meinen wir nicht, dass zwei, drei hübsch gestaltete Tafeln mit einem Text wie „Boizenburg, Deine kleine Barockstadt an der Elbe“ viele Autofahrer zu einer Rast in der Altstadt einladen würden?

Ich kenne bereits den Kommentar, dass das Aufstellen von Hinweisschildern an einer Bundesstraße eines komplizierten Genehmigungsverfahrens bedarf. Da muss man dann mal durch, das geht anderen nicht besser. 30 Millionen Euro, für die Tausende von Bundesbürgern Steuern entrichtet haben, sind an öffentlichen Mitteln in die Sanierung der Boizenburger Altstadt geflossen und natürlich mindestens gleichviel an privaten Investitionen. Der Marktplatz und die Straßen sind kostbar gepflastert, das barocke Rathaus ist komplett restauriert, der Hafen wurde neu ausgebaut und die Wohnhäuser sind saniert. Nicht umsonst möchten westdeutsche Kommunen nun langsam auch mal wieder etwas vom „Soli“ abhaben.

Fasst man diese Tatsachen zusammen, so zeigt sich Folgendes : In Boizenburg und Umgebung leben nicht nur 15  000 Konsumenten mit vernünftigem Einkommen. Mit relativ wenig Mitteln kann es auch gelingen, auswärtige Besucher in die Altstadt zu holen. Sie ist gut saniert, hat einen Elbehafen, Spazierwege auf den Wallanlagen, eine historische Kirche, denkmalgeschützte Häuser und ein sehr schönes Rathaus in dem hier seltenen Fachwerk-Barock. Sie unterscheidet sich sehr positiv von den meisten anderen Kleinstädten.
 


Alstadt kränkelt


Und dennoch „kränkelt“ die Altstadt, die Einzelhändler sind demotiviert, die Kunden wandern ab, fahren weite Strecken zu Orten, an denen sie bereits arbeiten oder zu Orten, in denen das Einkaufen zu einem heiteren Erlebnis wird.

Und an heiteren Erlebnissen fehlt es in Boizenburg nun wirklich! Wo sitzt man an der Straße, um einen Kaffee zu trinken? Wo stehen ein paar Blumenkrüge am Eingang? Wo wird einem im Geschäft ein Glas Saft angeboten? Wo bekommen Kinder einen Luftballon anlässlich einer Sonderaktion? Wo fährt am Sonnabend der Flötenspieler auf dem Einrad durch die Straße? Wo ist der Mann mit der Drehorgel geblieben oder der spanische Gitarrist? Wo kann man an der Hafenmauer ein Glas Bier trinken? Wo gibt es einen Frühschoppen mit Countrymusic? Wo kann man den einmaligen Boizenburger Rippenbraten essen? Wo sind die kleinen Verlosungen in den Altstadtgeschäften? Wo sind die fröhlich dekorierten Schaufenster? Und wo ist überhaupt das heitere Personal, wenn ein Kunde kommt?

Dies sind alles Kleinigkeiten, die kaum Geld, dafür aber Mühe kosten. Die Geschäftsleute der Altstadt können nicht vom HGV vertreten werden, denn der Handwerksmeister aus dem Umland wird sich nicht an der Mühe und auch nicht an Werbungskosten für die Altstadt beteiligen wollen. Die Geschäftsleute der Altstadt sollten sich allein oder mit den Bürgern zu einem Arbeitskreis zusammenschließen. Sie sollten sich selbst, dem Bürgermeister und den gewählten Politikern kräftig in den Hintern treten, um gemeinsam aus dem „kehr di an nix“ heraus zu kommen.

Man kann nicht erwarten, dass jeder über die tägliche Arbeit hinaus voller Werbeideen steckt. Es ist aber hilfreich, sich ins Auto zu setzen, um zu sehen, was anderen Städte für ihr Stadtmarketing einfällt.


Es fehlt an Machern


Lüneburg ist ein Bilderbuch an Ideen für Kundenfreundlichkeit. Aber schauen wir auch mal über die Elbe zu der abgelegenen, kleineren Stadt Bleckede, an der nicht täglich 10  000 Autos vorbeifahren. Sehen wir mal ins Internet, um zu begreifen, welche Anstrengungen man dort unternimmt, um die Stadt für Besucher interessant zu machen. Es gibt ein breites Angebot für Besucher: Information und Kultur. Es gibt Häuser für Ausstellungen und Veranstaltungen. Und es gibt natürlich das Biosphaerium Elbtalaue.

Es ist vielleicht bekannt,dass auch ich mich vor wenigen Jahren bemüht habe, die Besucherinformation für das Biosphärenreservat des östlichen Elbufers im Boizenburger Speicher unterzubringen. Ich erinnere mich, dass ich fast ein Einzelkämpfer war bei meinen Bemühungen. Heute bin ich überzeugt, dass der Speicher in der Königstraße ein Besuchermagnet hätte werden können, wenn Politiker, Verwaltung, Geschäftsleute und interessierte Bürger gegenüber dem Ministerium mit aktiv geworden wären.Aber ich werde meine Bemühungen um eine Belebung des Speichers nicht aufgeben.

Dante Alighieri hat vor siebenhundert Jahren einen Spruch geprägt, den man zu einem Sinnspruch der Altstadt machen könnte: „Der Schwache wartet, dass die Welt sich wandelt. Der Mutige nutzt die Zeit und handelt.“


 

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