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Hagenower Kreisblatt

23. Oktober 2017 | 02:51 Uhr

Boizenburg : Waldkindergarten in Gefahr

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Bauamt genehmigt den seit dem 1. Juli geplanten Betrieb nicht. Eltern kündigten bereits ihre Plätze in anderen Kitas

svz.de von
erstellt am 14.Jul.2016 | 06:25 Uhr

Anne-Katrin Lurse kann nachts nicht mehr schlafen und hat ständig Bauchschmerzen. Seit dem 1. Juli sollte eigentlich der geplante Waldkindergarten in der Gemeinde Nostorf (SVZ berichtete am 18.7.2015) in Betrieb gehen, doch unerwartet stellt sich das Bauamt Ludwigslust-Parchim (LUP) quer bei der Genehmigung für das Aufstellen eines dafür notwendigen Bauwagens im Wald. „Dabei haben die Eltern schon die Plätze in ihren ehemaligen Kitas gekündigt bzw. wollten jetzt am 1. Juli wieder arbeiten gehen“, erzählt Lurse, die mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Nostorf wohnt. Nun betreuen die beiden Erzieherinnen Iris Ihde und Daniela Benedict erst einmal unentgeltlich  die sieben Kinder, doch lange wird das so nicht gehen können. Und wie jeder aus Boizenburg und Umgebung weiß, sind freie Kitaplätze hier hart umkämpft.

„Das Problem ist Paragraph 35 im Baugesetzbuch“, meint Lurse. „Allerdings gibt es deutschlandweit rund 400 Waldkindergärten, bei denen  Sondergenehmigungen erteilt wurden. Das ist ein bundesweit anerkanntes, erprobtes, erfolgreiches und immer populärer werdendes Konzept.“

Seit zwei Jahren arbeiten  sieben Familien aus der Boizenburger Region intensiv an dem Projekt. Von allen Seiten kam Unterstützung. Bürgermeister Dirk Spiewok und die Mehrheit der Vertreter der Gemeinde Nostorf, wo sich die offizielle  Vertretung  des „Waldkindergartens Frischlinge e. V.“ befindet, setzen sich dafür ein und unterstützen die Initiative auch finanziell.  Ebenso wie die AMF, die Raiffeisenbank und  Apotheker Wethjen. Die Norddeutsche Stiftung Umwelt und Entwicklung hat Fördergeld in Höhe von 2300 Euro zugesagt.

Auch Anke Tuping vom  Jugendamt des Landkreises LUP,  setzt sich sehr für die Waldkita ein,   denn  das Projekt wäre  das erste   dieser Art  im Landkreis und damit auch  ein Zeichen dafür, dass  alternative Kinderbetreuungskonzepte nun auch hier angekommen sind. 

Jörg Stübe vom  Forstamt Schildfeld ist ebenfalls ein großer Freund des Waldkindergartens.

Im Landkreis Nordwestmecklenburg fand der Kollege vom Bauamt Wismar vor kurzem einen ähnlichen Waldkindergarten genehmigungsfähig. „Auch Frau Poltier vom Bauamt Boizenburg sagt, dass unser Projekt durchaus mit dem gültigen Baurecht vereinbar ist und als Sonderfall im Außenbereich genehmigt werden kann“, berichtet Lurse.

Das Waldgebiet bei Streitheide, um das es geht, befindet sich  auf Gemeindegebiet der Stadt Boizenburg. Boizenburgs Bürgermeister Harald  Jäschke meint: „Wenn der Landkreis sagt, Kinder sind unsere Zukunft, dann passt die Ablehnung nicht ganz ins Bild.“

„Noch haben wir das Projekt nicht wirklich abgelehnt“, erklärt Andreas Wißuwa als Leiter des Bauamtes LUP. „Wir haben den Bauherren-Vertretern nur unsere Einwände dargelegt, auf die sie immer noch reagieren können.“ Auch wenn es deutschlandweit Sondergenehmigungen gebe, würden vielleicht 50 Prozent  der Fälle andere Voraussetzungen haben.

Der Bauamtschef ist der Meinung, dass der Waldkindergarten statt des Bauwagens ja als Notunterkunft den Jugendklub von Nostorf nutzen könnte. „Das dürfen wir übergangsweise jetzt, aber dauerhaft  bekommen wir den nicht“, erklärt Anne-Katrin Lurse. Außerdem sei der Jugendklub nicht mitten im Wald, sondern viel zu weit weg und nicht zu Fuß erreichbar.

Auf die Frage der SVZ, ob sich das Bauamt mit dem pädagogischen Konzept der Waldkindergärten beschäftigt habe, hieß es von Andreas Wißuwa einerseits: „Ja, natürlich“, andererseits meinte er, es wäre nicht die Aufgabe des Bauamtes, sich damit auseinander zu setzen.

Das  wäre  allerdings notwendig für die Beurteilung des Sachverhaltes, denn in dem Schreiben von Andrea Isernhagen als zuständige Bearbeiterin heißt es: „Nach § 35, Abs. 1 Nr. 4 BauBG wäre ein solches Vorhaben neben weiteren Voraussetzungen zulässig, wenn es wegen seiner besonderen Anforderungen an die Umgebung oder wegen seiner  besonderen Zweckbestimmung nur im Außenbereich durchgeführt werden soll.“ Frau Isernhagen ist der Meinung, dass das bei einem Kindergarten nicht der Fall wäre und vernachlässigt völlig, dass es bei einem Waldkindergarten wohl nicht ohne Wald geht.

Um die bürokratischen Hürden des Bauamtes nun zu bewältigen, braucht die Initiative Zeit. Daher hat sie auf Vorschlag des Jugendamtes übergangsweise eine Tagesmutterbetreuung für zehn Kinder und zwei Erzieher auf dem großzügigen Hof von Familie Lurse beantragt. „Aber auch die Genehmigung dafür lässt unverständlicherweise auf sich warten“, seufzte Anne-Katrin Lurse beim Gespräch vorgestern.

Gestern  Nachmittag erhielt die SVZ vom zuständigen Bearbeiter  Hans-Erich Niemann die Auskunft, dass das Bauamt die Genehmigung für den Tagesmutterbetrieb in der nächsten Woche erteilt, wenn umgehend ein auf ein halbes Jahr befristeter Antrag gestellt wird.

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