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Hagenower Kreisblatt

11. Dezember 2017 | 14:23 Uhr

Quast : Wald, wo einst das Zuhause war

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Gedenktag: nach Enteignung eines ganzen Dorfes im Jahre 1961 werden Erinnerungen wach

von
erstellt am 01.Sep.2014 | 11:30 Uhr

Wenn Ilse Samzow an den 18. April 1961 denkt, steigen ihr die Tränen in die Augen. Am Abend jenes Tages besuchten sie Soldaten in ihrem Haus in Quast, um ihr mitzuteilen, dass sie das Gebäude umgehend zu verlassen habe. Sie rennt zum Nachbarort Leussow, ruft ihre Eltern an. Doch als sie in den frühen Morgenstunden zurück kommt, kann sie nichts mehr machen: Ein Großteil ihres Hab und Gutes ist schon auf einem Lkw verstaut; ihr Haus komplett leer geräumt. Neben Familie Jahnke und Familie Meier war Birgit Samzow die letzte Einwohnerin, die den Ort Quast verließ. Seit jenem Tag gehörte das besiedelte Areal bis 2013 zum Truppenübungsplatz in der Lübtheener/Leussower/ Alt Jabeler Heide.

Um sich an die Bewohner des Ortes zu erinnern oder mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wird einmal im Jahr – wie vergangenen Sonnabend – der „Quaster Gedenktag“ veranstaltet. „Von dem gesamten Ort ist nur ein einziges Gebäude, die Darre, erhalten“, sagt Christel Drewes, Bürgermeisterin von Vielank. Dort wurden die geernteten Tannenzapfen getrocknet und Sämlinge daraus gezogen und hier auch wieder eingepflanzt, fügt sie weiter hinzu. Drewes freut sich, dass immer wieder um die 150 Menschen zum Gedenktag kommen und den einstigen Ort Quast besuchen. Darunter sind auch Liselotte Pastrik, Liliane Riewoldt und Waldemar Lutschin. Sie sind Nachfahren von Nikolai Lutschin. „Wir stehen hier in der Küche“, sagt Waldemar Lutschin, nur wenige Meter von einer Kastanie entfernt. Sie stehen auf dem Grundstück ihres Hauses. „Auch der Brunnen gehörte zu unserem Grundstück“, fügt Liselotte Pastrick hinzu. Allerdings hätten alle Grundstücke einen eigenen Brunnen gehabt, erzählt Egon Köhn. Der Leussower kommt regelmäßig zum Quaster Tag – genauso wie Liselotte Pastrick. Die 86-Jährige trifft an dem Gedenktag auch auf die ehemalige Bewohnerin Ilse Samzow. „Wir sind einige Jahre lang jeden Tag drei Kilometer in die Schule nach Alt Jabel getippelt“, erinnert sich Liselotte Pastrick. Während eines Wintertages sei Ilse vom Weg abgekommen und in den Graben gefallen. „In der Schule musste die Lehrerin dann meine Sachen trocknen“, erzählt Ilse, schaut Liselotte an und beide schmunzeln. Auch bei den Kindern bzw. Enkeln, die nur für kurze Zeit das Leben in Quast mitbekamen, werde am Quaster Gedenktag so manche Erinnerung aus der Kindheit wach. „Quast wäre in diesem Jahr 651 Jahre alt geworden“, sagt Christel Drewes in ihrer Rede. Existiert habe das Dorf jedoch nur 597 Jahre, führt sie weiter aus. Das Gemeindeoberhaupt ist erleichtert, dass das einstige Gelände des Truppenübungsplatzes in ein Nationales Naturerbe übergehen soll. Sie würde sich wünschen, wenn man in landschaftlich reizvollem Gelände in absehbarer Zeit einen sanften Tourismus, beispielsweise Ausflüge in der Kutsche, etablieren könnte.

Matthias Weber, Betriebsbereichsleiter des Bundesforstbetriebes Trave, wozu auch der Truppenübungsplatz zählt, erläuterte weitere Möglichkeiten der Nutzung. „Die Bundesregierung hat den Entschluss gefasst, weitere 30 000 Hektar neben bereits 100 000 Hektar geschützter Fläche zu sichern“, sagt Weber. Es sei vorgesehen dem Bundestag dazu eine entsprechende Liste vorzulegen. Zudem erklärte er, dass es ebenfalls einen Gesetzesentwurf des Biosphärenreservates gebe, der vorsehe, 1500 Hektar des Truppenübungsplatzes in das Biosphärenreservat einzubeziehen. Laut Matthias Weber solle dieses Gesetz Ende 2015 fertig sein. Für Christel Drewes ist das ein gutes Zeichen. Und für die einstigen Bewohner von Quast und deren Angehörige wäre das eine Möglichkeit, öfter im Jahr als nur einmal zum Gedenktag zu ihrem einstigen Lebensmittelpunkt zu kommen.

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