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Hagenower Kreisblatt

22. November 2017 | 08:36 Uhr

Tierschutz : Viermal so viel Elend

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Abgemagert bis auf die Knochen, erschlagen und verscharrt hinterm Stall - Immer öfter findet Amtstierärztin Dr. Swantje Kuchenbuch solch vernachlässigte und verwahrloste Tiere im ehemaligen Landkreis Ludwigslust vor.

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erstellt am 17.Feb.2012 | 05:48 Uhr

Hagenow/Ludwigslust | Abgemagert bis auf die Knochen, erschlagen und verscharrt hinterm Stall - Immer öfter findet Amtstierärztin Dr. Swantje Kuchenbuch solch vernachlässigte und verwahrloste Tiere im ehemaligen Landkreis Ludwigslust vor. Allein von 2010 (acht Tiere) zu 2011 (34 Tiere) mussten viermal so viele Haustiere weggenommen werden. Dabei geht es nicht nur um Katzen und Hunde. Auch Rinder und Schafe würden verstärkt leiden, weil einigen Landwirten das Geld für geeignete Stallungen, Futter und Tierärzte fehle, so Dr. Swantje Kuchenbuch. Allein in den letzten zwei Jahren habe es im Kreis drei Fälle gegeben, bei denen Bauern ihre Tiere abgeben oder den Betrieb schließen mussten. Die Gründe: Mutterschafe starben beim Lammen - im kalten Winter auf der Weide; tote Rinder liegen in einem Stall und rundum verscharrt im Boden; schlechte Ställe, in denen Tiere nicht mehr leben konnten.

Und es werde von Jahr zu Jahr mehr, so die Tierärztin vom Veterinäramt in Ludwigslust und Schwerin. Zuletzt musste im vergangenen Jahr ein Betrieb geschlossen werden, weil in den alten Stallanlagen zu schlechte Luft, kein Licht und die Dächer undicht waren. Die Tränken kaputt, kein Geld für Tierarzt und Futter. Demzufolge sahen die Tiere aus: dünn, ausgemergelt mit strubbeligem Fell, "was auch Folgen für die Jungtiere hat", erklärt Dr. Swantje Kuchenbuch. "Sie verkalben."

Der erste Schritt des Veterinäramtes: Die Landwirte bekommen Anordnungen, die Tierhaltung zu verbessern. Oft würden solche Betriebe sogar über Jahre beobachtet. Vor allem in den Altanlagen der LPG, in denen Bauern mitunter finanziell schwächer gestellt seien, findet die Tierärztin schlechte Zustände vor. Dabei gebe es kaum noch "normale" Haltebedingungen. "Die Schere zwischen ganz schlecht und optimal wird immer größer", sagt Dr. Swantje Kuchenbuch. Entweder seien es moderne große Betriebe mit mehreren Standbeinen, zum Beispiel Biogas, oder eben die Altanlagen aus DDR-Zeiten.

Dass in jedem neu gebauten oder modernisierten Stall besser auf den Tierschutz geachtet werden kann, als in alten Anlagen, bestätigt auch Harald Elgeti, Hauptgeschäftsführer des Kreisbauernverbandes Ludwigslust. "Das ist klar." Weil aber das Landwirtschaftsministerium die Investitionsförderung ausgesetzt habe, sei es vielen Bauern mitunter nicht möglich, geeignete Bedingungen zu schaffen. "Das ist eine Entscheidung der Regierung gegen den Tierschutz ", sagt Elgeti klar. Trotz allem: "Jeder ordentliche Landwirt hat ein Interesse daran, gute und leistungsfähige Tiere zu halten." Sicher gebe es auch schwarze Schafe in der Branche. Aber grundsätzlich seien Bauern die ersten Natur- und Tierschützer. Und bei 900 Betrieben in der Verbandsregion und drei Fällen gegen den Tierschutz sei zwar jeder Fall einer zuviel, aber nicht zu verallgemeinern.

Bis zu einem halben Jahr setzt sich die Amtstierärztin mit einem Fall auseinander, bei dem Landwirte zum Teil bis vor das Oberverwaltungsgericht gehen. Zeitaufwand, der sie davon abhält, sich zügig um den nächsten zu kümmern. Dr. Swantje Kuchenbuch ist die einzige im ehemaligen Kreis, hat zwei Helfer in Schwerin und Ludwigslust. Mehrere 100 Kilometer legt sie oft an einem Tag zurück, um Hinweisen nachzugehen. Manchmal schwer zu überblicken, wie sie sagt. Und das bei zunehmenden Beschwerden, die ein- bis zweimal pro Woche eintrudeln. Der letzte schlimme Fall bei einer Privatperson im Raum Hagenow sei der 15 Jahre alte Hund Teddy gewesen (SVZ berichtete), der in der Tierpension "Kleine Oase" in Holthusen (03865- 844330) aufgepeppelt werden musste. Abgemagert und verwahrlost. Der muntere Hund sucht immer noch ein neues Herrchen, genauso wie andere Leidensgenossen.

"Auch im privaten Bereich kommen Missstände häufig wegen der finanziellen Misere der Halter vor", schätzt Dr. Swantje Kuchenbuch. Weil Geld für eine geeignete Unterkunft oder den Tierarzt fehlt. So fristen beispielsweise Hunde immer noch ihr Dasein an der Kette, "was verboten ist und mit Bußgeld und Tierwegnahme geahndet wird". Indizien wie abgeschuppertes Fell am Hals, eine Laufspur und stereotypische Bewegungen des Tieres könnten die Besitzer überführen.

Manche Bilder bereiten der Amtstierärztin schlaflose Nächte. Und "sie machen mich innerlich wütend." Denn von Einsicht sei bei vielen Tierbesitzern nichts zu spüren.

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