Flüchtlingsdebatte : Viele Fragen, viele Antworten

Rund 230 Menschen hatten den Weg in die Rudolf-Tarnow-Schule gefunden, um sich zu informieren.
1 von 2
Rund 230 Menschen hatten den Weg in die Rudolf-Tarnow-Schule gefunden, um sich zu informieren.

Zahlreiche Einwohner Boizenburgs nahmen die Gelegenheit wahr, sich zur Flüchtlingssituation zu informieren

von
05. November 2015, 19:14 Uhr

Die aufgestellten 180 Stühle reichten nicht aus, um an diesem Mittwochabend allen Interessierten Platz zu bieten. Rund 230 Menschen waren gekommen, um sich über die Flüchtlingssituation in Boizenburg zu informieren und Fragen zu stellen. Ungefähr 50 von ihnen musste man dem rechten politischen Spektrum zuordnen, ein Großteil davon waren aber weder Einwohner von Boizenburg noch vom Amt Boizenburg Land. So versuchten Mvgida-Sprecher Michael Grewe, gleichzeitig Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag, sowie der bekannte Hamburger Neonazi Wulff immer wieder, die Gelegenheit für politische Statements und Meinungsäußerungen zu nutzen. Dabei hatte Bürgermeister Harald Jäschke zu Beginn der Veranstaltung ganz klar die Regeln erklärt: Keine politischen Statements, sondern nur Fragen der Einwohner zum Thema Flüchtlinge im Zusammenhang mit Boizenburg. Um diese zu beantworten, saßen auf dem Podium neben Harald Jäschke die Leiterin des Büros für Migration und Chancengleichheit beim Landkreis, Heidrun Dräger, der stellvertretende Landrat Wolfgang Schmülling und der Chef der Polizeiinspektion Ludwigslust, Hans-Peter Günzel. Man merkte den drei Gästen an, dass sie derzeit bei zahlreichen Einwohnerversammlungen dieser Art im Landkreis unterwegs sind, entspannt und routiniert beantworteten sie die gestellten Fragen.

Harald Jäschke berichtete zu Beginn darüber, dass der Landkreis derzeit 19 dezentral gelegene Wohnungen in Boizenburg anmietet, in die bis zum Jahresende jeweils im Durchschnitt vier Flüchtlinge einziehen sollen. Die dezentrale Unterbringung werde hoffentlich eine schnellere Integration ermöglichen. Für die Betreuung der Flüchtlinge arbeite die Stadt eng mit der Willkommensinitiative zusammen, die sich schon zu Jahresanfang in Boizenburg gegründet habe. Wolfgang Schmülling erläuterte auf Nachfrage, dass die Flüchtlinge auch von der Arbeiterwohlfahrt Ludwigslust betreut werden. Alle Kosten für die Unterbringung und Betreuung der geflüchteten Menschen werden vom Land getragen, es werde dafür keine Steuererhöhungen geben. Auf die Frage, ob sich unter die neuen Boizenburger Bewohner eventuell nichtregistrierte radikale Islamisten einschleichen könnten, erklärte Schmülling, dass alle, die in den 19 Wohnungen untergebracht werden, vorher registriert werden. Diese Menschen hätten alle einen Aufenthaltstitel für meistens drei Jahre, in denen über ihren Asylantrag entschieden werde. „Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, wollen zurück in ihre Heimat, sobald der Krieg dort vorbei ist“, sagte der stellvertretende Landrat. Auf die Frage, ob man verhindern könne, dass in die 19 Wohnungen nur junge Männer einziehen, meinte Schmülling mit einem nachdenklichen Blick ins Auditorium, dass es hier in Boizenburg wohl nur Familien sein werden.

Ein Boizenburger machte sich Sorgen um die Sicherheit. Darauf reagierte Hans-Peter Günzel mit der Aussage, dass der Landkreis LUP einer der sichersten Landkreise in MV sei. Die Mehrheit der Straftaten werde von Deutschen begangen. „Wenn sich alle so normkonform wie die Asylbewerber verhalten würden, hätten wir hier noch weniger Kriminalität“, meinte der Ludwigsluster Polizeichef. „Nicht die Asylbewerber haben hier ein Haus angezündet.“ Dafür erntete er großen Beifall beim Publikum. Dann erwähnte eine Bürgerin eine Vergewaltigung, die es vor ein paar Wochen in Boizenburg gegeben habe. Darauf konnte niemand im Podium eine Antwort geben. Auf Nachfrage der SVZ teilte die Staatsanwaltschaft Schwerin gestern mit, dass die Behörde auf Grund der Anzeige einer 23jährigen Boizenburgerin Ermittlungen wegen des Verdachts sexueller Nötigung geführt habe. Die Anzeigende habe angegeben, dass sie am 9. August gegen drei Uhr beim Verlassen einer Tanzveranstaltung auf dem Weg zu ihrem Auto von zwei unbekannten, polnisch sprechenden Männern festgehalten und zur Duldung von sexuellen Handlungen genötigt wurde. Die Frau konnte sich losreißen und mit ihrem PKW fliehen. Bisher konnten die Täter nicht ermittelt werden.

Eine der nächsten Fragen war, ob geplant sei, in Boizenburg eine Moschee zu bauen, das schloss der Bürgermeister aus. Ein nächster Bürger meinte, dass die hier schutz suchenden Menschen auch eine Chance auf eine positive Veränderung bieten würden. Er wollte wissen, was man tun könne, damit es den Menschen hier gut gehe. Ähnliche Fragen, auch nach der Möglichkeit zu helfen, stellten noch weitere Einwohner. Ulli Quast von der Willkommensinitiative erklärte, seine Gruppe freue sich über Mitstreiter. Als eine Frau der ehrenamtlichen Helfergruppe von ihrer Arbeit in der Notunterkunft in Zahrensdorf berichten wollte, wurde sie vom Mvgida-Sprecher Grewe unterbrochen. Er meinte, wenn das erlaubt sei, dann wolle er auch etwas über Mvgida erzählen. Der Bürgermeister unterbrach daraufhin die Versammlung und bat, dass diejenigen, die weiterhin die Veranstaltung stören wollten, den Saal verlassen sollten. Michael Grewe und ca. 40 Sympathisanten suchten infolgedessen den Weg nach draußen. Die Zahrensdorfer Helferin konnte danach von ihren positiven Erfahrungen erzählen mit den Geflüchteten erzählen, davon, dass diese selbst helfen, wo sie können. Man solle einfach zugehen auf die Menschen, die hier Schutz suchen, dann würden Ängste schnell abgebaut.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen